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Haan    Alte Häuser und Höfe
Alte Haaner Kirche 1  2  3


Der Taufstein und der sogenannte Dariakopf

Heute existiert als einziges Objekt nur noch ein etwa lebensgroßer Stein-Kopf, der so genannte "Dariakopf". Er besteht aus Namurer Blaustein (nicht, wie in einem älteren Gutachten angegeben, aus Basalt) und ist bis auf die Nasenspitze gut erhalten. Es ist davon auszugehen, dass er mit drei ähnlichen Köpfen Bestandteil eines Taufsteins aus demselben Material war, das vermutlich aus dem 12. Jh. stammte. Es handelt sich bei dem erhaltenen Kopf also keineswegs um eine Darstellung der Daria oder einer anderen Heiligenfigur, wie in besagtem Gutachten (1951) noch vermutet wurde.

  Namurer Blaustein ist ein dunkler (dunkelgrau-anthrazitfarbener), kohlehaltiger Kalkstein von Steinbrüchen an der Maas / Belgien, der sich gut bearbeiten und polieren lässt. Taufsteine wurden im 12. und 13. Jh. anscheinend gern aus diesem Material gefertigt.

Im Hildener Jahrbuch 1960 geht Wolfgang Wenning in seinem Aufsatz über den "sogenannten Daria-Kopf" auf verschiedene Hypothesen ein, so auch auf diesen Irrtum und die ebenso irrige Vermutung, es gebe einen zugehörigen "Chrysanthus-Kopf". Gemeint war ein Steinkopf im Kölner Schnütgen-Museum, der jedoch wesentlich kleiner ist und mit der Haaner Kirche nichts zu tun hat.

Bei diesem plausiblen zeichnerischen Rekonstruktions-Versuch (folgende Abb.) sind die wenigen Teile bzw. Bruchstücke, die vom Haaner Taufstein erhalten geblieben sind, gepunktet dargestellt. Die mit rotem * kennzeichneten Stücke wurden 1973 bei der archäologischen Grabung auf dem Alten Kirchplatz gefunden. [Vollmar 1991 S. 64]




Rekonstruktionsversuch (Vollmar): der Haaner Taufstein
 
Daria
Der sog. Dariakopf, früher Teil des Taufsteins





Steinköpfe in Wittlaer, Erkrath, Mettmann, Köln...

  Ähnliche (vollständige) Taufbecken mit ähnlichen, teils kleineren und schlichter gearbeiteten Köpfen, alle mit kronenartigem "Kopfschmuck", sind noch in einigen Kirchen auch der näheren Umgebung vorhanden, wie ich per Zufall nach und nach feststellte. Insofern ist überraschend, dass die Funktion des Haaner "Dariakopfes" erst relativ spät und selbst von Fachleuten nicht erkannt wurde. Die Materialbestimmung bereitete aber offenbar auch anderswo Schwierigkeiten.

Zur möglichen Bedeutung dieser Eckköpfe an den Taufbecken gibt es verschiedene Erklärungsversuche: Symbol für die vier Elemente oder für die vier paradiesischen Ströme oder die vier Evangelisten; "Neidköpfe" zur Abwehr des Bösen...


Wittlaer - St. Remigius

Das Taufbecken in der St. Remigius-Kirche in Düsseldorf-Wittlaer ähnelt der Rekonstruktions-Zeichnung von Harro Vollmar; auch die Köpfe weisen Ähnlichkeiten mit dem Haaner Steinkopf auf, sind allerdings kleiner. Der Taufstein wird auf das 13. Jh. datiert, der Bildhauer ist unbekannt. Die Maße: max. Höhe ca. 1,05 m, max. Breite 1,20 m, max. Tiefe 1,20 m.

Das achtseitige Becken in der Kirche St. Remigius "... ruht auf einer Mittel- und vier Ecksäulen. Die Seiten sind mit Blenden verziert, und aus den Ecken springen vier Köpfe hervor. Die Vierzahl symbolisiert die Elemente Feuer, Wasser, Erde und Luft, also die Wurzeln für das Werden und Vergehen der sichtbaren Welt." [Webseite 2]

Lt. Dorothea Escher (St. Remigius) war in den älteren Kirchenführern des Rheinischen Vereins für Denkmalpflege und Landschaftsschutz (Nr. 185) seit der ersten Auflage als Material des Wittlaerer Taufsteins 'Namurer Blaustein' angeben. 1996 stellte hingegen der Restaurator fest, der Taufstein bestehe aus Aachener Blaustein, die Säulen aus Andesit, die Basis aus Tachyt, evtl. auch Andesit.

  Andesit, weltweit verbreitetes vulkanisches Mineral, zusammengesetzt aus Phosphor, Andesin (ein Feldspat) und Hornblende (Kaliummagnesiumeisensilikat).


Wittlaer
2006   Taufstein in der St. Remigius-Kirche in Düsseldorf-Wittlaer.
 
Wittlaer

  St. Remigius in Düsseldorf-Wittlaer



Erkrath - St. Johannes der Täufer

In der kath. Pfarrkirche St. Johannes der Täufer in Erkrath steht ein vergleichbares Taufbecken aus dem 12. Jh., gefertigt aus Namurer Blaustein in einer Werkstatt des Rhein-Maas-Gebietes. Hier blicken die Köpfe etwas freundlicher, sind aber viel einfacher, weniger plastisch und detailreich gearbeitet.



2008   Taufbecken aus Namurer Blaustein (12. Jh.) in der Pfarrkirche St. Johannes der Täufer in Erkrath.
 
Erkrath
2008   Einer der vier Köpfe am Taufstein in der Pfarrkirche St. Johannes der Täufer in Erkrath.


Mettmann - St. Lambertus

Am Taufstein in der Lambertuskirche in Mettmann, ebenfalls aus dem 12. Jh., sind die Köpfe vergleichsweise winzig. "Säule und Becken zeigen das Achteck im Grundriß, wie auch der Helm des Kirchturms. Die Achtzahl ist das Symbol der Ewigkeit oder Vollkommenheit. Am oberen Rand des Taufbeckens sind vier Eckköpfe mit einem stilisierten Gesichtsausdruck angebracht. Der Kunsthistoriker Wille aus Wuppertal deutet diese Eckköpfe als ein Symbol der vier paradiesischen Ströme [...] Pison, Gihon, Tigris, und Euphrat: Das aus göttlicher Schöpferkraft quellende Wasser zum Segen aller Geschöpfe."

Dieser Taufstein stammt aus den Namurer Werkstätten der Staufenzeit. "Er besteht aus Kalkstein und nicht, wie fälschlich angenommen, aus Granit." Die schwarze Tönung der Köpfe ist durch Schleifen und Polieren entstanden. [St. Lambertus]


2008
Eines der vier schwarzen Köpfchen
am Taufstein der Lambertuskirche
in Mettmann.

 
Mettmann



Köln - Antoniterkirche, St. Maria in Lyskirchen, Groß St. Martin

Köln
2011   Romanischer Taufstein (12. Jh.) in der gotischen Antoniterkirche, Schildergasse
 
Köln
2011   Einer von vier Köpfen am Taufstein in der Antoniterkirche

"Bei dem heute im südlichen Seitenschiff [der Antoniterkirche] aufgestellten romanischen Taufstein handelt es sich um eine niederrheinisch-maasländische Arbeit aus Naumurer Blaustein aus dem 12. Jh. An den Seiten befinden sich vier Eckköpfe, die Fabelwesen darstellen. Der Taufstein wurde der evangelischen Gemeinde vom Schnütgen-Museum aus dessen Beständen zur Verfügung gestellt. Seine ursprüngliche Herkunft ist nicht genau geklärt." [Wikipedia]


Köln
2011   Taufstein in der romanischen Kirche St. Maria in Lyskirchen (teilweise Ende 13. Jh.)
 
Köln
2011   Zwei von acht Köpfen am Taufstein in der Kirche St. Maria in Lyskirchen

Köln
2011   Taufstein in der romanischen Kirche Groß St. Martin
 
Köln
2011   Einer von vier Köpfen am Taufstein in Groß St. Martin

Von ganz anderer Art ist hingegen das reich verzierte achteckige Taufbecken aus hellem Kalkstein in Groß St. Martin (erste Hälfte 13. Jh.). Auch hier sind an vier Ecken stilisierte Köpfe (Löwenköpfe?) angebracht, die anscheinend nur dekorativen Charakter haben. Vermutlich wurde der Taufstein aus der älteren Brigidenkirche übernommen.



Zülpich - St. Peter

Über ein weiteres mit dem Haaner Exemplar vergleichbares Taufbecken in der Kirche St. Peter in Zülpich lese ich: "Am oberen Rand des Beckens befinden sich so genannte Neidköpfe, die als Abwehr gegen das Böse dienen sollten." [Webseite 3]

Ähnliche romanische Taufbecken sind z.B. in Euskirchen, Herkenrath, Kürten und Leverkusen erhalten.





Die seltsamen Abenteuer des Haaner Steinkopfes

Der "Daria-Kopf" (wie er in Haan nun einmal genannt wird) aus der alten Haaner Kirche wurde 1936 wiederentdeckt. Was war mit ihm geschehen? "Die Erhaltung dieses Stückes ist nicht dem Walten kunstverständiger Umsicht, sondern dem Schelmenstück unzufriedener Maurer zu danken.

Als nämlich der Haaner Bürger Daniel Balken im Jahre 1869 das noch stehende Haus Friedrichstraße 38 erbaute, seien - so berichtet die Historie - die Bauarbeiter über die Verweigerung des üblichen Richtfestes so erbost gewesen, daß sie dem Bauherrn zum Schabernack den aus den Steinresten der alten Kirche herausgebuddelten Daria-Kopf zwischen den beiden Giebelfenstern des Neubaus eingemauert hätten.

Der Bauherr hat offenbar daran keinen Anstoß genommen und die Plastik in der Wand belassen. Mit der Zeit verschwand sie unter dem wiederholten Farbanstrich." [Heinson S. 98 f]

1936 gestattete der damalige Hauseigentümer, Friedrich Schmidt, die Herauslösung des Kopfes, der dann ins Heimatmuseum gebracht wurde. "Er blieb dort indessen nur drei Jahre, da schon 1939 bei Ausbruch des Krieges die Bestände des Museums ausgelagert wurden. Als diese 1945 bei Kriegsende Plünderungen anheimfielen, wäre der 'Daria-Kopf' wohl endgültig verlorengegangen, wenn es nicht dem Haaner Fabrikanten und Heimatgeschichtsfreund Jakob Litsch gelungen wäre, ihn sicherzustellen. Er befindet sich seitdem [...] in dessen Gewahrsam." [Wenning 1960 S. 121 f]

Heute wird der steinerne Kopf in Haus Stöcken aufbewahrt.

Mehr über Steinköpfe und romanische Taufsteine in dem sehr informativen Aufsatz von Wolfgang Wenning (1960).






Schutzpatron Kilian

Außer Chrysantus und Daria wird auch der heilige Kilian als Patron der alten Haaner Kirche genannt. Demnach muss später, wahrscheinlich nach Abzug der Gerresheimer Stiftsdamen, mit dem Patrozinium gewechselt worden sein.

  Vollmar hat diese, aber auch noch eine zweite Variante beschrieben:

"[...] um 750 n.Chr. oder danach, entstand am Wege nach Sachsen, nur etwa siebzig Meter von der Siedlung des Hagens I entfernt, eine Cella memoriae, eine kleine Andachts- oder Betkapelle mit nach Osten offener Tür, gewidmet dem Patron der Domkirche von Paderborn, St. Kilian. [Vollmar 1991 S. 11]

Strangmeier schrieb 1951 ausführlich über die Schutzpatrone und fasst folgendermaßen zusammen:


"Das Bestehen eines Kilianspatroziniums in Haan wird durch zwei voneinander unabhängige glaubwürdige Quellen nachgewiesen: das 1695 abgeschlossene, nach amtlichen Unterlagen zusammengestellte kirchliche Pfründenregister des J.P. Holthausen und die von J.A. v. Recklinghausen 1818 fixierte örtliche Überlieferung Haans.

Es muß also, nachdem die Haaner Kirche ursprünglich dem Schutze der hl. Chrysanthus und Daria unterstellt gewesen war, später ein Wechsel des Patroziniums zugunsten der Verehrung des hl. Kilian eingetreten sein. Derartige Wechsel der Patrozinien waren im Mittelalter durchaus keine Seltenheit. [...] Welche Ursachen in Haan wirksam gewesen sind und zu welchem Zeitpunkt der Wechsel erfolgt ist, wissen wir nicht [...].

Die größte Schwierigkeit besteht darin, daß uns aus der vorreformatorischen Zeit - also aus der Zeit der praktischen Kiliansverehrung in Haan - keinerlei Nachrichten über das Bestehen des Patroziniums überliefert sind. Stand uns bei der Betrachtung des Patroziniums der hl. Chrysanthus und Daria als einzige gesicherte Tatsache nur die ihres Beginns zur Verfügung, so hinsichtlich der Verehrung des hl. Kilian nur die ihres Erlöschens, das wir mit dem Sieg der Reformation in Haan, spätestens also mit dem Beitritt der Gemeinde zur Bergischen Synode der reformierten Kirche im Jahre 1589, anzusehen haben. " [Strangmeier S. 71-74]


"Kilian ist hier ebenso wenig bekannt wie das römische Märtyrerehepaar. Er kam aus Schottland und hat in der Würzburger Gegend im frühen Mittelalter missioniert. So gilt er gemeinhin als Apostel der Franken. Eine Holzbüste von Tilman Riemenschneider zeigt ihn mit der Bischofsmütze und Krummstab. [...] Es erhebt sich auch hier wieder die Frage, wie Kilian nach Haan gekommen sein mag. Es läßt sich nur vermuten, daß ein in Haan amtierender Pfarrer, der aus dem fränkischen Gebiet stammte, den Anstoß dazu gegeben hat. [...] Kilian ist der Schutzherr der Winzer, wo sie auch wohnen mögen." [Heinson S. 99 f]




Die Glocken

Zu Beginn des 19. Jh. bestand das Geläute der alten Haaner Kirche offenbar aus zwei Glocken. Als Glockengießer wird Heinrich v. Overraide II angegeben, später die Werkstatt Wilhelm Rinker & Söhne von Leun (auch Rincker geschrieben). "Hinzu kam als dritte Glocke die Salvatorglocke von 1542, die aber nicht zum Hauptgeläute gehörte, sondern damals bereits als Uhrglocke diente. Als solche ist sie aber sicherlich nicht gegossen worden." [Poettgen]

Diese Glocke hängt heute wieder an der Außenseite des Kirchtums der evangelischen Kirche. Sie trägt die Inschrift:

          "SALVATOR MUNDI ADIUVA NOS SAN-
          CTA MARIA ORA PORO NOBIS ANNO 1542"


zu deutsch:
          Erlöser der Welt, hilf uns,
          heilige Maria, bitte für uns."


Die Jahreszahl auf der Glocke wurde von Pfarrer Glaser 1932 in seiner "Geschichte der evangel. Gemeinde Haan" irrtümlich mit 1182 in arabischen Ziffern angegeben.

  Die Jahreszahl 1182 geht wohl auf die Lesart des Kunsthistorikers Paul Clemen zurück (1894). Sie erscheint dann auch in der maßgeblichen heimatgeschichtlichen Literatur: 1900 bei Anton Schneider und 1928 bei August Lomberg im Heimatbuch. Ein weiterer kleiner Irrtum, der sechs Jahrzehnte lang fortgeschrieben wurde. Nachdem ich eine Abbildung der Inschrift gefunden habe, ist dieser Irrtum für mich nachvollziehbar.

Strangmeier schrieb 1951 über die fragliche Jahreszahl:


"Sie besteht in der Tat aus arabischen Zahlen, aber diese bedeuten, wie von Archivrat Dr. Günter v. Roden an Ort und Stelle festgestellt werden konnte, nicht 1182, sondern einwandfrei 1542. Die Ausführung der 5 und der 4 entsprechen zwar nicht unserer heutigen Schreibweise, aber dafür umso mehr dem Gebrauch der damaligen Zeit. Eine andere Lesart kommt auch nach dem, was bereits oben über das Aufkommen der arabischen Zahlen gesagt wurde, nicht in Betracht."
[Strangmeier 1951 S. 33]


Arabische Ziffern waren lt. Strangmeier im 12. Jh. bei uns noch nicht in Gebrauch, sondern "diese haben erst um das Jahr 1400 bei uns Eingang gefunden" [S. 32]

  Gehen wir also davon aus, dass die Deutung 1542 von Dr. v. Roden zutrifft.


1542
 
Jahreszahl an der ältesten Haaner Kirchenglocke.
Abzeichnung von Dr. Günter v. Roden, Düsseldorf



1820 war die große, 1750 Pfund schwere Glocke gesprungen und musste neu gegossen werden. 1824 wurde zusätzlich eine kleinere Betglocke gegossen. Damit war die alte Kirche mit insgesamt vier Glocken ausgestattet.


"Die große Glocke (881 kg) [...] trug die Inschrift:

    »Zur Andacht ruft mein Klang die christliche Gemeinde; auch töne ich bei Feuer, Not und Tod.«

    P.I. Momm, P.I. Holthausen, Schullehrer, A. Lüttgen, F. Schmachtenberg, P. Steinberg; J. Büscher; P. Schulten; H. Hecker.

    Gegossen von Wilhelm Rinker & Söhne von Leun 1824
Diese große Glocke erklang bei besonderen Anlässen, bei Feuersbrunst und auch am 1. August 1914, dem Mobilmachungstage.

Rechts [neue Kirche] hing die Mittagsglocke (420 kg) mit der Inschrift:

    »Zum Gotteshause rufe ich die Schar der Christen; auch deute ich des Tages Mitte an und töne in der Toten Grab.«

    Neinhaus, Pastor; Mohr; P. Dörner; F.W. Kriekhaus; F.W. Kölker; A. Huhn; P. Gröner; J. König; P. Volkmann; D. Hammerstein; F. Stöcker; K. Lüttgens; W. Benninghoven.

    Gegossen von W. Rinker aus Elberfeld 1842
Die kleinste Glocke (263 kg) hing in der Mitte. Sie war die Betglocke und ihre Inschrift sagt:
    »Des Morgens wecke ich die Schlafenden und fordere auf zu Arbeit und Gebet; des Abends tönt mein Klang den Müden Ruh; die Frommen lade ich zum stillen Dankgebet und zu dem Gotteshaus.«

    Gegossen von W. Rinker von Leun 1824
[Ev. Kirchengemeinde S. 32]

In den Kirchenneubau wurde 1864 das komplette Geläute mit Glockenstuhl übernommen, zusätzlich die Salvatorglocke, die wie in der alten Kirche außen am Turm als Uhrglocke diente.

Alle Glocken wurden im Ersten Weltkrieg von der Ablieferung verschont, nach Angaben von Pfr. Glaser (1932) mit Rücksicht auf ihre künstlerische Form und ihren harmonischen Klang. Der harmonische Klang wird angesichts der Disposition mit e'-gis'-b' allerdings vom Fachmann angezweifelt [Poettgen, Rheinisches Institut für Glockenkunde]

Im Zweiten Weltkrieg rettete weder Kunst noch Klang die beiden größeren Glocken vor Einschmelzung und Umwidmung. Zurück blieben die Salvatorglocke als Uhrglocke und die Betglocke. Als 1948 die vier neuen Stahlglocken, die an Stelle der Bronzeglocken angeschafft wurden, im Turm angebracht wurden, stellte man die Betglocke zunächst im Altarraum auf. 1963 wurde sie dem Friedensheim überlassen, dem Altersheim der Duisburger Diakonie in der Dellerstraße. Dort hängt sie heute unsichtbar in einem massiven Glockenturm und läutet den dortigen Gottesdienstbesuchern zur Andacht.


Glocken
 
Abtransport der beiden großen
Kirchenglocken 1942. Aufschrift:
"Evgl. Kirchengemeinde Haan".
Bild-Quelle: Ev. Kirchengemeinde Haan






Die Gerresheimer Stiftsdamen

Während der schon erwähnten Tiefbauarbeiten für das Stadtbad am Alten Kirchplatz wurde dort 1972 eine für die Forschung hochinteressante Entdeckung gemacht: 18 weibliche Skelette! Die Verstorbenen sollen im Alter von etwa elf bis 65 Jahren in der Zeit um 940-970 n.Chr. beigesetzt worden sein, nur wenige Meter südwestlich der alten Kirche. Vermutlich gab es noch weitere Skelette, die aber während des laufenden Baubetriebes nicht erkannt werden konnten.

Das Besondere: Jeder Schädel trug über den blonden oder brünetten Haarresten einen Bronzereif. Vermutet wird, dass die Toten einer elitären Frauengruppe angehört hatten:


Sammlung Haus Stöcken
 
Schädel mit Bronzeband,
aufbewahrt in Haus Stöcken.


"Langwierige Untersuchungen [...] ergaben die Hypothese, daß es sich bei den Frauen um Angehörige des Gerresheimer Kanonissenstiftes, eines Hochadelsklosters, gehandelt hat. In ein solches Stift gingen seinerzeit die unverheirateten Töchter oder die Witwen des Adels, wobei man keineswegs einer strengen Klosterregel unterlag, sondern sogar relativ frei war und Eigentum halten konnte.

Diese Stiftsdamen gingen zwar 919 nach einem räuberischen Hordenüberfall [...] fluchtartig nach Köln, aber es ist urkundlich belegt, daß 'einige' wieder nach Gerresheim zurück mußten. Da in Gerresheim noch Gefahr drohte und auch keine Wohnung zur Verfügung stand, residierte dieser Teil der Stiftsdamen vorübergehend in Haan, um die weit verstreuten niederrheinischen Besitztümer und den Wiederaufbau der Stiftsgebäude in Gerresheim von hier aus zu betreuen.

[...] Möglicherweise aber war die Haaner Kirche bereits ... (in der Zeit nach der Gründung des Gerresheimer Stiftes durch den begüterten Adeligen Gerrich in den Jahren um 870) als Eigenkirche in den Besitz des Stiftes gelangt. [...] Es gibt dazu jedoch keinen urkundlichen Nachweis und kann nur vermutet werden. Noch in einer Urkunde aus der Zeit etwa 1218 bis 1231 ist umfangreicher Grundbesitz in Haan und Gruiten für das Stift Gerresheim erfaßt".

  Krutscheid und Wibbeltrath, damals beide Kirchspiel Haan. [von Roden S. 29 f]

"[...] In der lateinischen Weiheinschrift der alten Haaner Kirche, die viele rätselhafte Abkürzungen enthält und heute noch als zweitälteste Bauinschrift Deutschlands in Haan erhalten ist, sind die Namen der Oberen des Stiftes Gerresheim als Erbauer eines 'Oratoriums' im Jahre 935 zu erkennen, vermutlich als Erbauer des mächtigen eingezogenen Rechteckchores, der der Haaner Kirche ergänzend hinzugefügt wurde und 1973 durch Grabung nachgewiesen werden konnte:

ADALBURGA
LANTSWINDA     GERRICHESHAIMENSIS
EWERWIN

In der Inschrift steht jedoch nur 'ALE+GER'. Diese drei waren Geschwister, wobei Lantswinda dem Stift als Äbtissin und Ewerwin als Schutzvogt diente. In anderen Urkunden der Zeit damals sind alle drei Geschwister, die wohl die oberste Leitung des Stiftes verkörperten, voll ausgeschrieben nachweisbar.

970 waren die Klostergebäude in Gerresheim wieder aufgebaut. Es ist anzunehmen, daß in Haan seitdem die Gerresheimerinnen [...] nicht mehr wohnten, wohl aber weiterhin wirtschaftliche und auch kirchliche Bindungen nach Gerresheim bestanden, denn noch 1312 bekennen sich einige Haaner Familien als 'Wachszinsige' (Kirchensteuer in Form von Wachskerzen) zur Stiftskirche von Gerresheim. Aber seit der Mitte des 14. Jahrhunderts zog sich das Stift aus allen seinen Besitzungen zurück und konzentrierte sich ausschließlich nur noch auf Gerresheim."

[Vollmar 1991 S. 13 f]




Ein Kopfnischengrab unter der Kirche

Bei den Ausgrabungen am Alten Kirchplatz kam 1973 unter unter der Südmauer der Kirche noch mehr Unerwartetes zum Vorschein: ein voll ausgemauertes, aber leeres Steinkistengrab mit Kopfnische, 2,35 m lang und 1 m breit. Dies lässt den Schluss zu, dass dieser Platz schon vor Errichtung des anno 935 eingeweihten Kirchenbaus als Begräbnisstätte genutzt wurde. Die Entstehungszeit wird auf ca. 700 bis 750 n.Chr. geschätzt. [Vollmar]




Denkmal

Um die uralte Haaner Kirche nicht ganz in Vergessenheit geraten zu lassen, ist ihr Standort 1974 als Fundament-Denkmal hergerichtet worden. Die ergrabenen und konservierten, nun wieder unterirdisch verborgenen Kirchenfundamente sind mittels unterschiedlicher Pflasterung, Plattierung und durch "mauergleiche Sitzbänke" angedeutet. Dies vermittelt immerhin einen groben Eindruck vom Grundriss und von den Größenverhältnissen - vorausgesetzt, man bemerkt es überhaupt. Ein großer, aber unauffälliger Stein weist seit Mai 1975 auf die Historie hin:


Fundamentdenkmal alte Kirche
 
AN DIESEM PLATZ WURDE
DIE ERSTE HAANER KIRCHE
ERBAUT UND 935 DURCH
ERZBISCHOF WICHFRIED
VON KÖLN GEWEIHT.
SIE WAR 1589 EINE DER
GRÜNDUNGSKIRCHEN DER
REFORMIERTEN BERGISCHEN
SYNODE. DAS BAUWERK
WURDE IM JAHRE 1863
ABGEBROCHEN.



Fundamentdenkmal auf dem Alten Kirchplatz:
Die Grundmauern der alten Haaner Kirche
wurde mit der Pflasterung nachempfunden.
Foto: Vollmar




Alte Haaner Kirche
 
Ein Modell der alten Haaner Kirche, das mit den verschiedenen Anbauten den Bauzustand um 1500 wiedergibt, kann im
 Bergischen Museum Schloss Burg an der Wupper besichtigt werden (Stand 2010). Werner Selzer hat es nach Ausgrabungsfunden und Rekonstruktionen durch Harro Vollmar und Dirk Soechting gebaut.


Weiter: Bemerkungen zur mittelalterlichen Geschichte der Siedlung Haan (Harro Vollmar) 


Quellen:
  • Clemen, Paul: Kunstdenkmäler der Rheinprovinz, 3. Bd. II: Barmen, Elberfeld, Remscheid und der Kreise Lennep, Mettmann, Solingen. Düsseldorf 1894
  • Das, Rahul Peter: Einige Bemerkungen zur neuesten Deutung der Kircheninschrift aus Haan/Rheinland. In: Zeitschrift des Bergischen Geschichtsvereins 90. Bd. 1982/83, S. 15-33
  • Escher, Dorothea, St. Remigius Düsseldorf-Wittlaer (eMail 09/2006)
  • Ev. Kirchengemeinde Haan (1964)
  • Heinson (1959)
  • Kath. Pfarrgemeinde St. Lambertus (Hrsg.): St. Lambertus Mettmann (2000)
  • Kreis Mettmann (1991)
  • Lacomblet, Bd. II (1854), S. 101 f
  • Lomberg (1928)
  • Poettgen, Jörg: Zur Geschichte der Glocken in Haan. Rhein. Institut für Glockenkunde, Overrath (1998)
  • Roden, Günter von: Quelle zur älteren Geschichte von Hilden, Haan und Richrath, Hilden 1951, Band 1
  • Schneider (1900)
  • Stadt Haan (1990)
  • Strangmeier, Heinrich: Die Schutzpatrone der alten Kirche in Haan. In: Strangmeier, Heinrich (Hrsg.): Beiträge zur älteren Geschichte von Hilden und Haan, Hilden 1951, S. 55-94
  • Strangmeier, Heinrich (Hrsg.), Günter v. Roden, Dietrich Höroldt: Quellen zur älteren Geschichte von Hilden, Haan und Richrath, Band I bis V, Hilden 1951 bis 1973
  • Vollmar (Häuser und Höfe)
  • Vollmar (1977)
  • Wenning, Wolfgang: Der sogenannte "Daria-Dopf" aus der ehemaligen Pfarrkirche in Haan. In: Hildener Jahrbuch 1960. Hilden 1962, S. 121-139


  • Webseiten:
  • 1: http://www.st-remigius-duesseldorf.de/hauptteil_taufkapelle.html am 26.08.2006
  • 2: http://www.kirche-des-monats.de/2001/10/haupttext.html am 26.08.2006 (St. Remigius in Düsseldorf)
  • 3: http://www.kirche-des-monats.de/2006/06/haupttext.html am 26.08.2006 (St. Peter in Zülpich)
  • 4: http://www.leverkusen.com/guide/Archiv1.txt/Lev00018.html (Kath. Pfarrkirche St. Stephanus in Leverkusen-Bürrig)

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    16.09.2006, zuletzt aktualisiert 11.08.2011