www . ZeitSpurenSuche . de
  Zurück / Gliederung

Vereine für Mäßigung und Enthaltsamkeit

Die sozialen Folgen des übermäßigen Trinkens müssen so evident geworden sein, dass verantwortungsbewusste Bürger in Solingen wie auch anderswo dem nicht tatenlos zusehen wollten und einen Mäßigkeitsverein gründeten:

"19. Januar 1839. Der Mäßigkeitsverein für Solingen und Umgegend hat sich hier seit einigen Monaten gebildet, der es sich zum Zweck gesetzt hat, so viel in seinen Kräften steht, dahin zu wirken, daß das Leib und Seele verwüstende Laster der Trunksucht in hiesiger Gegend abnehme und endlich ganz aufhöre. Daß dieser Verein nur langsam anwächst und seine Mitglieder noch nicht zahlreicher geworden sind, daß er sogar offenen Widerspruch erfährt, befremdet uns nicht. Denn das Gute gedeiht selten schnell und noch weit seltener ohne Kampf und Widerspruch.

Der Trunksucht, dieser schrecklichen Seuche, die auch in unserer Gegend in furchtbarem Schwange steht, diesem Würgeengel des Familienglücks Einhalt zu tun, das ist der Zweck, den der Mäßigkeitsverein zu erreichen strebt." [Die Heimat 4/1972 S. 48]


Busch
 

Es fällt schwer, über die bildhaften Formulierungen nicht zu schmunzeln, wenn auch das Anliegen sehr ernst war.

1845 kam es in Solingen zur Gründung des Enthaltsamkeitsvereins am Schrodtberg mit ähnlicher Zielsetzung. Ein längerer Bericht von Vorstandsmitglied Fr. Hüsgen erschien damals im Elberfelder Kreisblatt. Einige Passagen:


Elberfelder Kreisblatt No. 111 vom 18. September 1845
(Gratis-Beilage der Elberfelder Zeitung)


"Es ist Erfahrungssache, daß in Fabrik-Gegenden [...] sich am meisten ausschweifendes und sittenloses Leben findet. [...] Nun giebts aber schwerlich einen größeren Verführer der Menschen, als der Branntwein; denn Tausende überliefern sich ihm mit Seele, Leib, Gut und Leben.

Schaudererregend ist es, die Geschichte der Verwüstung mancher Gegenden sich zu vergegenwärtigen, welche der Genuß dieses giftigen Getränkes herbeiführt. Auch der kleine Schulbezirk Sch. [= Schrotdberg] liefert eine Chronik, worin auf jeder Seite blutige Opfer verzeichnet stehen, die in der Sündfluth der gebrannten Wasser ihren Untergang fanden. [...]"


Der Enthaltsamkeitsverein war aus dem dortigen "Lesekreis" hervorgegangen. Sechs der Mitglieder, "die es aus Erfahrung wußten, was der Schnapps ihnen, ihren Familien und ihren Mitmenschen gethan", waren dort durch verschiedene Berichte und Schriften über die Gefahren des Alkoholkonsums zur Vereinsgründung angeregt worden.

Sie gelobten, "von nun an keinen Tropfen Branntwein mehr über ihre Lippen zu bringen [...] und ihre Mitmenschen durch Belehrung und Ueberzeugung zu ermuntern dieses giftigen Getränkes sich gänzlich zu enthalten." Bier hingegen war in Maßen genehmigt.

Innerhalb eines halben Jahres wuchs der Verein auf 46 Mitglieder an. Monatlich wurden gut besuchte Sitzungen anberaumt, und dort "hört man mitunter gar liebliche Geschichten aus dem Munde" der früheren Trunkenbolde und jetzt geläuterten Mitstreiter. Stolz war man auf die sich abzeichnenden Erfolge:

"Es läßt sich mit Gewißheit behaupten, daß die Consumtion an gebrannten Wassern hier in unserm Bezirk kaum 1/20 der früheren beträgt. [...] Rühmend muß es anerkannt werden, daß ein hiesiger Fabrikant, der viele Arbeiter beschäftigt, sich nach den Statuten unseres Enthaltsamkeitsvereins richtet, obgleich er noch nicht dem Verein beigetreten ist. In seine Werkstätten darf kein Tropfen Branntwein gebracht werden.

Mit Freuden nimmt man wahr, daß bei Taufen und anderen Festlichkeiten auch selbst bei Nichtmitgliedern die alte, schlechte Sitte des Branntweintrinkens, wodurch alle gute Eindrücke verwischt, und das Zusammensein getrübt, ja vergiftet wurde, beinahe gänzlich verschwunden ist. Man trinkt jetzt statt dessen Kaffee oder Bier." [Elberfelder Kreisblatt]


Hier und da mag es so gewesen sein. Verallgemeinern ließen sich diese Beobachtungen und vermeintlichen Erfolge nicht. Die Wirklichkeit sah ganz anders aus, und die eindringlichen Aufrufe der Enthaltsamkeitsvereine erschienen weiterhin in der Presse.


SKIB
SKIB vom 4. Februar 1846:
"Künftigen Sonntag-Nachmittag, den 8. Febr., feiert der Enthaltsamkeits-Verein zu Schrodtberg sein erstes Stiftungsfest, wozu Freunde der Enthaltsamkeitssache hiermit freundlichst eingeladen werden. - Der Vorstand."


Solinger Kreis-Intelligenzblatt vom 5. August 1846
Aufruf!

Keinen Branntwein mehr! Branntwein weg!

Das ist die Fahne, unter der sich am Gedächtnißtage der Einnahme von Paris, am 31. März d.J., für den Solinger Pfarrbezirk ein Enthaltsamkeits-Verein gebildet hat, dessen Statuten von der Königl. Hochl. Regierung zu Düsseldorf unter dem 9. Juni a.c. genehmigt wurden. Dieselben werden hiermit als Anlage des Solinger Kreis-Intelligenzblattes - von dem provisorischen Comitée dem Publikum vorgelegt und zur ernsten Beherzigung anheimgegeben. -

Wie viele Opfer der Branntwein auch in unseren Gemeinden schon gefordert hat, wie viele Männer und Väter ihre Familien dabei gewagt, und sich selbst, so wie Weib und Kinder in's Elend und Verderben, in Armuth und Krankheit gestürzt haben, ist vielen unserer verehrten Mitbürger wohl bekannt. -

Wo aber ein verzehrend Feuer brennt, da muß gelöscht werden. Wohlan, so helft! es gilt das zeitliche und ewige Heil so vieler Mitmenschen! es gilt theils, Säufer zu retten; theils die heranwachsende Jugend von der Trunksucht zu wahren! Die Liebe zu ihnen, die Theilnahme an ihrem Wohl oder Wehe dringt und muß uns dringen, selbst ein kleines Opfer nicht zu scheuen. - Der grimmige, mordlustige Feind, hat schon so manchen Mann und so manche Familie blutig geschlagen; sollen wir die Armen, die Verwundeten liegen und umkommen lassen?! Nein! abermals Nein!

Wohlan, wer mit uns Hand anlegen will an diesem großen Werke der Liebe, der trete herzu zu unserm Bunde! und schreibe sich in unsere Listen! Der Verein ladet sie alle, die da beitreten wollen, so wie alle Freunde und Beförderer der Enthaltsamkeitssache freundlich ein zu einer General-Versammlung, welche am 16. August d.Js., Nachmittags 5 Uhr, im Armenhause der gr. evang. Gemeinde dahier statt finden wird.

Solingen, den 28. Juli 1846.

Namens des provisorischen Comitées:
Küppers.


Das Problem war also längst öffentlich gemacht, und gut gemeinte Initiativen zu seiner Lösung gab es auch. Diejenigen, die es anging, wurden damit aber kaum erreicht. Gelöst wurde das Problem bis heute nicht, ganz im Gegenteil. Und so gibt es immer noch gut gemeinte Initiativen, inzwischen sogar auf europäischer Ebene. Im Europa-Magazin Nr. 044 11/2006 verkündete die Bundesregierung:

"Jährlich sterben in Europa 195.000 Menschen durch Alkoholmissbrauch. Die Europäische Kommission hat deshalb Vorschläge zur Bekämpfung des Alkoholmissbrauchs in Europa vorgelegt. Schätzungsweise gefährden 55 Millionen Erwachsene in der EU ihre Gesundheit durch riskanten Alkoholkonsum. Schädlicher und riskanter Alkoholkonsum verursacht 7,4 Prozent aller Gesundheitsstörungen und vorzeitigen Todesfälle in der EU. Nach einer Erhebung der Kommission für 2003 entstand ein volkswirtschaftlicher Schaden in der EU von 125 Milliarden Euro."

Gute Absichten jeglicher Art haben den Trend nicht umkehren können, nicht für Europa und nicht für Deutschland: "Tatsächlich wurden die vom Gesundheitsministerium zur Verfügung gestellten Mittel für die Alkoholprävention bei der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung von 1,6 Millionen im Jahr 2006 auf 900 000 Euro im laufenden Jahr gesenkt - wegen der drastisch gesunkenen Steuereinnahmen bei den Alkopops." [Deutsches Ärzteblatt April 2007 S. 159]




Lohn oder Schnaps

Die Botschaften der Enthaltsamkeitsvereine werden wenig verbessert haben an der Situation der Arbeiterfrauen, die am Tag der Lohnzahlung am Fabriktor auf ihre Männer warteten: Sie wollten wenigstens einen Teil des ausgezahlten Bargeldes vor dem Wirtshaus retten, damit die Familie zu essen hatte - wenn es denn überhaupt Bargeld gab und nicht nur alter "Mukkefuck" in der Tüte war.

In der Zeit der "Entlohnung" der Arbeiter in Form des Warenzahlens mit überteuerter Ware (bis zum gesetzlichen Verbot am 09.02.1849) kam besonders erschwerend hinzu, dass einige Kaufleute die Arbeit ihrer Schleifer sogar mit aufgedrängtem Branntwein aus dem werkseigenen Ausschank verrechneten. "Die Warenzahler unterhielten nämlich - heimlich mit dem Kontor verbunden - auch noch niederträchtige Schnapshöllen und betrügerische Winkel, wo sie ihre Arbeitnehmer stundenlang geflissentlich warten ließen, bis sie endlich abgefertigt wurden." [Bäcker S. 119] Namentlich werden neben vielen anderen als Warenzahler häufig die Brüder Engel in der Kölner Straße genannt.


Peter Knecht
Peter Knecht (1798-1852)
 

Dass diese schon lange verbotene, aber dennoch praktizierte Unsitte - die man in der Tat auch Betrug nennen kann - letztendlich abgeschafft wurde, geht auch auf das Engagement des prominenten Solinger Kaufmanns Peter Knecht zurück.

Blättert man einmal im Elberfelder Kreisblatt des Jahrgangs 1845, so findet man in der Artikelserie "Nebelbilder aus Solingen", die Peter Knecht unter dem Pseudonym "Immerwahr" verfasst hat, schier unglaubliche Details zu diesem Thema. Hier einige Auszüge:


Elberfelder Kreisblatt   No. 43 vom 10. April 1845   und  
No. 47 vom 19. April 1845

[3.] "Es ist eine traurige Wahrheit, daß, seit das abscheuliche Waarenzahlen, mit der Verarmung der Arbeiter, Hand in Hand gehend, auf eine entsetzlich schnelle Weise zugenommen hat. [...] Wohl die Hälfte der Mitglieder des Fabrikgerichts sind Fabrikanten, welche Kram- und Victualien-Laden für die Arbeiter halten; - mehrere derselben verkaufen sogar Branntwein, oder halten öffentliche Branntweinschenken. -"

  Nicht zu verwechseln sind diese Kramläden mit den Werkspersonal-Verkaufsstellen großer Unternehmen der jüngeren Zeit, in denen die Mitarbeiter Waren verbilligt kaufen konnten, aber nicht mussten.

[11.] "Ein weit größeres Unglück für unsere Fabriken, als die verrufenen Waarenzahler sind diejenigen Fabrikanten und Kaufleute, welche den Arbeitern im Laden den Branntwein in Kännchen schenken [= ausschenken], oder gar eine Branntwein-Schankwirthschaft halten. -

Wer bei diesen Leuten am meisten trinkt, erhält natürlicher Weise, auch die meiste Arbeit, und Grausen erregend ist das Unheil, welches durch diesen Mißbrauch gestiftet wird.

Selbst Weiber und Kinder werden durch diesen Unfug zur Trunkenheit verleitet, - und es ist nichts Seltenes, eine Gesellschaft Weiber und Mädchen, welche geliefert haben, von Branntwein benebelt, aus der Stadt kommen zu sehen, - wobei es gar oft vorkommt, daß mehrere Trägerinnen der Schleifer ihre großen Hausschlüssel liegen lassen. -"

  Das passt so gar nicht ins folkloristische Bild der unermüdlichen Solinger Lieferfrau.

"Wo es nur eben angeht, geben die Wirthe den Arbeitern nur für einen Tag Arbeit, daß solche oft wiederkommen müssen, und dann, wie es sich von selbst versteht, desto mehr Branntwein zu trinken. - So wird mancher arme brave und fleißige Familienvater, aus bitterer Noth und Gewohnheit ein unglücklicher verlorner Mensch, ein Säufer - auf dessen Leben ein Fluch lastet - der ihm oft noch über das Grab folgt! -

Ein bekannter armer Arbeiter holt hier täglich bei Hrn. X.X. 2 Pack Scheeren zum Klarmachen (das Poliren der Augen an den Scheeren) und liefert einen Pack derselben vom vorigen Tage fertig, - bei welcher Gelegenheit er jedesmal 2 Gläser Branntwein trinkt. - Der Arbeitslohn der 12 Dzd. Scheeren, zu 1 Sgr. 4 Pf., beträgt 16 Sgr., die 12 Gläser Branntwein, à 7 Pf., kosten 7 Sgr., und für die übrig bleibenden 9 Sgr. muß der Mann noch Waaren nehmen, wenn sich die Arbeit aneinander halten soll. -

An den Hauptliefertagen werden die entfernt wohnenden Schleifer ec. von den Wirthsfabrikanten oft sehr lange aufgehalten, wobei es sich dann wohl zuträgt, daß ein Arbeiter der für 5 bis 10 Sgr. Branntwein verzehrt hat, noch den Verdienst der ganzen Woche im Kartenspiel verliert! -

Man denke sich nur die arme Frau und Kinder, welche auf Lebensunterhalt für die nächste Woche warten, und der Mann, der Vater kehrt besinnungslos heim, mit leerer Hand, ohne Geld, ohne Lebensmittel! -"




Behördliche Vorladung

In seinem Aufsatz über die Solinger Trunkenbolde (1970) zitiert Herbert Weber das kleinlaute Bekenntnis eines Gewohnheitstrinkers und Familienvaters, der ins Rathaus bestellt worden war, weil dessen bedauernswerte Ehefrau sich im Jahr 1858 hilfesuchend an den Solinger Bürgermeister gewandt hatte.

 »... Ich heiße wie angegeben, bin 39 Jahre alt, wohnhaft zu Mangenberg, treibe das Kleidermacher-Handwerk, habe eine Frau und sechs Kinder von 15, 14, 11, 8, 5, 3 Jahre alt.

Zur Sache: Es ist wahr, daß ich dann und wann betrunken bin, es ist auch wahr, daß mein Miethsherr in den letzten Tagen das Fenster aus der Wohnstube genommen hat, weil ich die Miethe nicht bezahlt hatte, und wir die Nacht in der Stube ohne Fenster verbringen mußten, ebenso daß ich noch Geld hatte, dieses jedoch bei mir behielt und weder die Miethe bezahlte noch meinen Kindern zu essen gab. Ich verspreche jedoch hiermit, daß ich von jetzt ab das Schnapstrinken aufgeben werde und meine Familie redlich ernähren will und bitte deshalb dieses mal noch keine Untersuchung dieserhalb gegen mich einzuleiten...«"
[Weber, ST vom 27.06.1970]


"Arbeitsscheue und Trunkenbolde" wurden polizeilich registriert. Ob der Kleidermacher durch den Schreck wirklich geläutert wurde, erfahren wir nicht.




Kein Mangel an Wirtshäusern in der Solinger Altstadt

In einem heimatkundlichen Solinger Zeitungsartikel wird die Ecke der früheren Brüderstraße (seit 1929: Mummstraße) und Kölner Straße beschrieben als "eine einigermaßen feuchte Gegend, so recht für 'Sumpfhühner' geeignet, öffneten sich doch hier auf engstem Raum einladend die Türen von nicht weniger als fünf Wirtschaften und einer Brauerei!

Neben dem Hotel Klumbeck befand sich hier die Wirtschaft von Fritz Hambloch, an der Ecke der Brüderstraße die von Bauermann; das dem Grashof gegenüberliegende alte Rathaus wurde ebenfalls von zwei Wirtschaften flankiert; die eine war die altbekannte Haering'sche, während die andere ihren Besitzer häufig wechselte. [...]



 

An der anderen Ecke der Brüderstraße, der Bauermann'schen Wirtschaft gegenüber, war noch die Vetter'sche Bierbrauerei in Betrieb, die aber bald darauf stillgelegt wurde. Für dustige Kehlen gab es da keine Not, um so weniger, als einige Häuser weiter an derselben Seite der Brüderstraße die Bierbrauerei von Eduard Sonnenschein beim Würzekochen ihre süßen Malzdüfte kräftig in die Gegend hinaussandte, bis sie nach einigen Jahren in die Brauerei Carl Beckmann aufging, und damit die Brüderstraße fast 'alkoholfrei' machte."
[Solinger Tageblatt vom 21.08.1939 - E.Bd.]




Unglücksfälle und Fabrik-Ordnungen

Mitte des 19. Jh. entstanden die ersten Dampfschleifereien im Solinger Industriebezirk. Wie in den Wasserkotten, so kam es auch hier gelegentlich zu Arbeitsunfällen und Unglücken.

In der Stellungnahme eines Schleifereibesitzers an den Landrat aus dem Jahr 1864 heißt es: "[...] Überhaupt kämen die Unglücksfälle fast nur durch eigene Fahrlässigkeit der Schleifer vor, weil sie zu nachlässig seien, nachlässige oder zerlumpte Kleidung trügen und vor allem wegen dem Branntweintrinken." Wollten sie sich aus der Verantwortung stehlen? Nicht immer waren die Vorwürfe aus der Luft gegriffen, aber auch in nüchternem Zustand war die Arbeit an den unzureichend gesicherten Anlagen gefährlich genug.

Die Fabrikbesitzer versuchten es mit Fabrik-Ordnungen und ausdrücklichen Verboten, wie 1884 die Solinger Firma F.J. Engels: "Die Einführung von Schnaps und sonstigen geistigen Getränken in die Arbeitsräume ist nicht gestattet." [Thiemler S. 22] - Aber Papier ist geduldig.

Empört klingt folgende Schilderung des Schleifereibesitzers Carl Friedrich Ern im Jahr 1887 gegenüber dem Bürgermeister von Wald (Solingen):

"Ich behaupte, daß seit mehreren Jahren meine alten Meister im Durchschnitt täglich kaum sechs Arbeitsstunden gearbeitet haben. Ein einzelner Meister ist schon mehrere aufeinanderfolgende Arbeitstage wohl in der Fabrik gewesen, aber nicht auf seiner Arbeitsstelle angelangt, weil er mit einigen Genossen eine Trinkrunde bildete, welche tagelang in Permanenz blieb. Andere waren tagelang betrunken. Es wurden bedeutende Mengen an Bier und Schnaps täglich verzehrt, so daß von anderen Arbeitern, den Nichtschleifern oft ausgesprochen wurde, es könnten verschiedene kleine Geschäfte von dem Verdienst leben... Das Frühstück der Schleifer bestand häufig aus Bouillon und Beefsteak, welches sie auf der Arbeitsstelle bereiteten. Solche Verhältnisse zu ändern ist mir durch meine Ermahnungen allein unmöglich gewesen."
[Boch 1985, zitiert bei Thiemler S. 29 und 33]


C.F. Ern hatte 1887 nach Provokationen den Schleifern alle in seinen Räumen gemieteten Schleifstellen gekündigt, um auf das Rasiermesserschleifen in Teilarbeit mit ungelernten Kräften im Fabrikbetrieb umzustellen.

Aber noch bis weit ins 20. Jh. hinein blieb bei den Schleifern der "blaue Montag" verbreitet. Daran hatten auch Verbote und Strafandrohungen nichts ändern können.



Kuren

Vermutlich machte sich das Alkoholproblem auch in den betuchteren Kreisen bemerkbar. Warum sonst hätte eine solche Anzeige im Intelligenzblatt erscheinen sollen? Wer es sich leisten konnte, schickte den kranken Angehörigen vielleicht zum garantierten Entzug in ein Schweizer Sanatorium:


Solinger Kreis-Intelligenzblatt vom 13. Juni 1885

"Trunksucht auch ohne Wissen, beseitigt nach 10jähriger Praxis reell u. gewissenhaft unter Garantie d. Erfinder d. Kuren, Th. Konetzky, Spezialist f. Trunksuchtleidende in Binningen, Basel, Schweiz. Eidlich-amtlich bestätigte Atteste Geheilter beweisen die Wiederkehr d. häuslichen Friedens u. ehelich. Glücks unzähliger Familien. Atteste gratis. Nachahmer beachte man nicht."



Klotschgaate

"En der Klotschgaate" war eine alte Solinger Ortsbezeichnung, ein Waldpfad, der parallel zum damaligen Verschönerungsweg (Botanischer Garten am alten Standort am Kannenhof) nach Altenbau führte und zum Thema passt.

Bei der (1909 abgebrannten) Städtgesmühle führte die 'Klotschgaate' in den Wald und kurz vor Altenbau wieder ins Freie. "Wie die Ueberlieferung berichtet, war sie früher ein gemiedener, gefürchteter Weg. Um die Jahrhundertwende trieben sich in der 'Klotschgaate' häufig 'Schnapsbrüder' und arbeitsscheue Menschen herum. Später ist der Pfad dann eingezogen worden." [Solinger Tageblatt vom 08.10.1944]



20. Jahrhundert

Weitere Vereine

1902 rief in Solingen Pfarrer Wilhelm Nitsch einen Ortsverein der 1877 in Deutschland gegen Trunksucht gegründeten evangelische Vereinigung "Blaues Kreuz" ins Leben, zusammen mit Rektor Robert Horath, den Brüdern Heinrich und Fritz Sträter sowie Berta Tesche.

Außerdem gab es einen "Verein gegen den Missbrauch geistiger Getränke", dem viele Gemeinden angehörten und dessen Bezirksverein im Landkreis Solingen sich 1908 bildete. [Weber, ST 04.07.1970]



Inspektionen und Polizeiakten

Diejenigen, um die es ging, kümmerten die Bemühungen wenig, wie weitere Beispiele zeigen:

1904 bat eine große Solinger Stahlwarenfirma die Polizei wegen des überhand nehmenden Trinkens um vermehrte Inspektionen der Schleiferei.

H. Weber zitiert in seinem Aufsatz aus einer dicken Polizeiakte aus dem Zeitraum 1903-1913 mit Hunderten von Meldungen, z.B. dieser: »Der Nebengenannte lag heute Nachmittag in total betrunkenem Zustande auf der hiesigen Roonstraße. Genannter, welcher nicht mehr allein stehen konnte, wurde zur eigenen Sicherheit in Haft gebracht.«

Extreme Fälle, unverbesserliche "Trunkenbolde", wurden registriert; Wirte und Händler durften die "Fuselsmuppen", wie die Abhängigen im Solinger Volksmund hießen, nicht mehr mit Alkohol versorgen. Von der Jahrhundertwende bis zum Ausbruch des ersten Weltkrieges muss es besonders viele Trunksüchtige in Solingen gegeben haben. Die Gründe hat Stremmel schon genannt.

Lt. Weber waren in den polizeilich geführten Listen 127 Personen erfasst, die männlichen mit ihrem Beruf:

      47 Arbeiter,
      31 Schleifer,
      20 Gelegenheitsarbeiter,
      12 weibliche Trunkenbolde,
      4 Fuhrleute,
      je 3 Feiler und Dachdecker,
      je 1 Schuhmacher, Polsterer, Schreiner, Reisender, Reider, Händler und Schlosser.

Mangels näherer Angaben und statistischer Vergleiche können die Zahlen nur ein kleiner Anhaltspunkt sein. - "Drei wurden später von der Liste gestrichen. Sie hatten sich gebessert. Einer landete in der Anstalt Brauweiler. 1913 wurde auch dem Blauen Kreuz von der Stadt solch eine Trinkerliste zugestellt. Die Liste wurde fortlaufend ergänzt und berichtigt und endet am 26. Januar 1918 mit einer Notiz von Oberbürgermeister Dicke: "Die Trunkenbolde sind verschwunden [...]." [Weber, ST 04.07.1970]

Das lag am Krieg. Natürlich kamen sie wieder, die Trunkenbolde.

  Die Gebäude der früheren Abtei Brauweiler bei Köln dienten in dieser Zeit als Arbeitsanstalt für die Unterbringung "von ganz besonders verwahrlosten Elementen", wie es damals hieß.



2012   Gebäude der ehemaligen Arbeitsanstalt Brauweiler
 

2012   Frauenhaus der ehemaligen Arbeitsanstalt Brauweiler


Abschließend noch eine Bemerkung von Cäcilie Godek zum Thema Frauenarbeit aus der Zeit um 1925. Als Vorteil der Beschäftigung von Frauen führt sie an, es falle "... zu ihren Gunsten in die Wagschale, daß sie nicht oder fast garnicht dem Nikotin- und Alkoholgenuß huldigen, wie dies bei dem männlichen Geschlecht leider noch immer in so hohem Maße der Fall ist."

Die Karikaturen in diesem Kapitel
stammen von Wilhelm Busch.


 


Quellen:
  • Bäcker (ca. 1927)
  • Die Heimat 3/1972 S. 12
  • Godek, Cäcilie: Frauenarbeit in der Solinger Industrie. Diplomarbeit. Solingen, ca. (oder nach) 1925
  • Elberfelder Kreisblatt vom 18.09.1845 (Gratis-Beilage der Elberfelder Zeitung)
  • Hendrichs 1933
  • Rosenthal 2. Bd. (1972)
  • Scotti (1821/1822)
  • Solinger Kreis-Intelligenzblatt vom 04.02.1846 [SKIB]
  • Solinger Tageblatt vom 4. Juli 1970 - Stadtanzeiger
  • Spiritus (1823) / Stremmel, Hrsg. (1991)
  • Thiemler/Dauber/Putsch (1991)
  • Unger (1997)
  • Weber, Herbert: Trunkenbolde wurden registriert I und II. Solinger Tageblatt vom 27.06.1970 und 04.07.1970 - Stadtanzeiger [ST]
  • Webseite: "http://www.bundesregierung.de/Content/DE/EMagazines/epublic/044/themenbeitrag-3-alkoholmissbrauch.html" am 09.05.2007
  • Webseite: "http://www.aerzteblatt.de/v4/archiv/artikel.asp?src=heft&id=55191" am 09.05.2007

zurück      nach oben      Übersicht

www.zeitspurensuche.de
Copyright © 2006-2012 Marina Alice Mutz. Alle Rechte vorbehalten.