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Auswanderung Solinger Klingenhandwerker
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Auswanderung nach Russland

Tula (1731)     Slatoust (1814)



Tula (1731)

Friedrich Wilhelm I. von Preußen (1688-1740)
 

Solinger Klingenhandwerker trugen wesentlich zum Entstehen der später bedeutenden Industrie in Tula bei - wenn auch zunächst nicht freiwillig. Die Stadt Tula liegt ca. 200 km südlich von Moskau.

Die Übersiedlung nach Tula erfolgte auf eine für die Betroffenen gar nicht spaßige Art und Weise. Kaiserin Anna Iwanowna von Rußland wollte in Rußland eine eigene Klingenindustrie aufbauen. Da ihr dazu die entsprechenden Fachleute fehlten und sie mit Werbemaßnahmen in Solingen keinen Erfolg hatte, obwohl sie mit ihren Angeboten gar nicht kleinlich war, vereinbarte die Zarin 1731 mit dem Preußenkönig Friedrich Wilhelm I. ein seltsames Tauschgeschäft.


Sie kannte die Vorliebe des Königs für "lange Kerls", und so bot sie ihm 100 großgewachsene "Flügelmänner" für seine Leibgarde zum Tausch gegen zwölf Klingenschmiede, einen Sensenschmied und einen Schleifer an. Der König konnte nicht widerstehen. Da sich jedoch kein Handwerker fand, der freiwillig die weite Reise ins unbekannte Tula antreten wollte, ließ der preußische König die gewünschten Handwerker zwangsweise nach Rußland deportieren. Das ging so:


"Da die Arbeiter nicht durch Zureden zur Auswanderung zu bewegen waren, so ließ der König ihrer sechs in Spandau 'greifen' und sandte wegen der fehlenden 6 folgenden Befehl an den Oberstlieutnant von Herzberg vom Schliewitzschen Regimente:

»Mein lieber Herzberg! Ich habe der Russischen Kayserin versprochen, Ihr folgende Arbeiter gegen einen raisonablen Accord auff 6 Jahre in Diensten zu überlassen:

1 Meister Klingenschmidt mit einem Vorschläger,
1 Meister Härter mit einem Gesellen,
1 Schleiffer nebst einem Gesellen,
1 Sensenschmidt mit 1 Gesell.

Ihr sollet Euch bemühen, diese Leute aus der Stadt Hagen oder einem benachbarten Orte zu bekommen, um Sie, womöglich mit Güte zu persvadieren; und sollet Ihr sie sodann nebst einem Unteroffizier anhero an den Obristen von Kleist meines Regiments senden, daß Sie längstens in 14 Tagen hier sein. Sollten diese Leute aber nicht sich hierzu engagieren wollen, so sollet Ihr Sie aufheben mit einer eskorte von Garnison zu Garnison anhero schicken. Ihr müsset bei leib und leben nichts dabei versäumen, sondern Alles einrichten, daß mein Wille gethan werde. Der Escorte-Paß folgt anbei. Ich bin Euer wohlaffectionirter König

Ihr müsset sie also balte schaffen.
F. Wilhelm.
Potsdam, den 16. Juni 1731.«


Da es nicht gelang, die Handwerker (Fabrikanten genannt) zur Auswanderung zu überreden, so wurden sie mit Gewalt festgenommen und nach Rußland geschafft. Und als sie in Tula ihre Aufgabe zur Zufriedenheit erfüllt hatten, bekamen sie erneut die königlich-preußische Willkür zu spüren:

"Wie nun die Fabrikanten allda die Fabriken völlig zustande gebracht, wollten sie in ihr Vaterland wieder zurückziehen, zogen über Berlin und verlangten für sich und ihre zurückgelassenen Brüder Bestallungen wieder. Allein es gefiel seiner königlichen Majestät, die Fabrikanten da zu halten, und ließ die jetzt florierende Fabrik in Spandau anlegen." [v. Steinen, zitiert bei Bindhardt S. 27]

Soviel zur Selbstbestimmung und Rechtssicherheit im alten Preußen.


Auswanderung nach Slatoust 


Quellen:
  • Bindhardt, G.: Die Entwicklungsgeschichte der Solinger Waffenindustrie. MBGV 2/1915 S. 22-34
  • Hendrichs (1933)
  • von Steinen, Dietrich: Westfälische Geschichte. Zit. bei Bindhardt

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    29.12.2003, zuletzt aktualisiert 29.12.2003