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Sanierung und Umgestaltung von Schloss Caspersbroich

Caspersbroich
 
Abb.: Detail
aus einem Gemälde
von F.A. de Leuw

Was geschieht mit einem alten Schloss - oder irgendeinem anderen alten, geschichtsträchtigen Gemäuer, wenn es zwar unter Denkmalschutz steht, aber niemand sich um seine Erhaltung kümmert? Dasselbe, wie mit jedem anderen alten Gemäuer: Es verfällt, und spätestens, wenn gar nichts mehr zu retten ist und sich auch kein ideenreicher und finanzkräftiger Idealist mehr findet, der sich seiner Rettung annimmt, dann wird es eben abgerissen.

So hätte es auch mit Schloss Caspersbroich im Solinger Ittertal geschehen können, viel hat nicht gefehlt. Dass es anders kam und der alte Rittersitz noch nicht vom Erdboden verschwunden ist, lag an der Initiative eines jungen Düsseldorfer Immobilienmaklers: In den 1960er Jahren, als das Thema "Eigentumswohnungen" noch ganz neu und fast etwas exotisch war, ließ er in den historischen Mauern eine komfortable Wohnanlage "vom Feinsten" entstehen.

Wie es dazu gekommen ist, welche interessanten Begegnungen damit verbunden und welche Hindernisse zu überwinden waren, erzählt der damalige Bauherr, Claus Gorges, selbst. Er nennt es die "Geschichte der Demokratisierung eines wertvollen Kultur-Denkmals". Dass er damit auch einen wichtigen, wenn nicht entscheidenden Teil seines Lebens beschreibt, ist nicht nur zwischen den Zeilen zu lesen. Heute ist er amerikanischer Staatsbürger und lebt in Californien. [Nachtrag: Claus Gorges verstarb 2007.]

-   Entscheidung im Mai 1963
-   "Warum spielen Sie nicht Makler?"
-   Schlossherr ohne Eigenkapital
-   Die Idee: Eigentumswohnungen
-   Schwierigkeiten ...
-   Sanierung gelungen!
-   Die skandalöse Scheune

Schloss Caspersbroich

Geschichte der "Demokratisierung" eines wertvollen Kultur-Denkmals
von Claus Gorges

Mit Fug und Recht kann ich behaupten, dass ich jeden Winkel des Schlosses Caspersbroich auf das Intimste und aus erster Hand kenne: Denn ich war derjenige, der es 1964 von der Solinger Firma Kronprinz erworben hat, zu einer Zeit, als es sich in einem sehr desolaten Zustand befand.

 
Claus Gorges
 
Bauherr und Autor
Claus Gorges
© 1991 Ed Holcomb
 

Kronprinz hatte das Schloss um 1960 mit den dazu gehörenden Ländereien von Baron Boris von Wolf, dem Erben der "jecken Grit", gekauft. Baron von Wolf hatte darauf bestanden, das künftige Industriegelände nur zusammen mit dem unter Denkmalschutz stehenden Schloss zu verkaufen, da es ihm sehr am Herzen lag, seinen Verfall zu verhindern.

Das Industrieunternehmen wusste mit dem Schloss natürlich nichts anzufangen. Vier Jahre lang war es erfolglos auf dem Markt angeboten worden. Jeder mögliche Interessent, der es sah, wurde von den enormen Kosten abgeschreckt, die eine Restaurierung des Gebäudes erfordert hätte. Niemand kümmerte sich um die Reinigung der Schieferdächer, so dass das Regenwasser über die verstopften Traufen schoss. An der empfindlichen Fachwerkfassade hatte es bereits großen Schaden angerichtet. Ein oder zwei Winter noch, und aus dem Schloss wäre eine kaum noch zu rettende Ruine geworden.



Entscheidung im Mai 1963

Der 22. Mai 1963 sollte ein Schicksalstag werden - nicht nur für mich.

Bei herrlichem Sonnenschein stand ich zum ersten Mal auf dem Caspersbroicher Weg und sah das Schloss hinter dem Teich inmitten des völlig verwilderten Parks auf mich warten - ganz wie in einem romantischen Film von   Jean Cocteau. Es war, wie die Franzosen sagen, ein "coup de foudre": Ich verliebte mich auf der Stelle in die 600 Jahre alte Dame. Dass das Make-up während dieser langen Zeit ein bisschen gelitten hatte, störte mich nicht. Ich fühlte ohne den geringsten Zweifel: Hier wollte ich wohnen.

 
Schloss Caspersbroich
 
Blick über den Schlossteich
zum Schloss
 


"Warum spielen Sie nicht Makler?"

Ich war 25 und hatte, seit ich 15 war, als Schauspieler kleine Rollen in großen Produktionen und große Rollen in kleinen Produktionen gespielt. Nachdem ich eine dreijährige Lehrzeit als Industrie-Kaufmann und eine zweijährige Schauspiel-Ausbildung beendet hatte, landete ich eine Hauptrolle in einer Fernseh-Produktion bei der ARD. Einige Hörspiele beim WDR. Kleinkram beim Düsseldorfer Schauspielhaus und Großkram bei den Düsseldorfer Kammerspielen. Und  - - -  das Milieu beim Theater gefiel mir nicht. Während die wirklich großen Schauspieler wunderbar bescheidene Menschen sind, plustert sich der Durchschnitt auf und schlägt wie der eitle Pfau das große Rad. Nicht mein Geschmack.

Als ein junger Düsseldorfer Architekt, bei dem ich meine erste Wohnung mietete, mich fragte: "Sie - Schaupieler? Warum spielen Sie nicht Makler? Vermieten Sie mir meine 48 Appartements und 10 Läden und machen Sie richtiges Geld. Sie können 70 oder 80 000 DM an Provisionen verdienen." - Ich traute meinen Ohren nicht. Hatte natürlich nicht die geringste Ahnung, was ein Makler macht, aber die Chance auf so viel Geld war einfach zu sexy, um ignoriert zu werden.

Noch in der Nacht beschloss ich, die Rolle anzunehmen, und ließ am nächsten Tag mein Geschäftspapier drucken. Von jetzt an hieß es: "Guten Tag, hier ist meine Karte, Claus Gorges Immobilien". Ich weiß nicht, wie es heute in Deutschland ist, aber 1958 brauchte man nichts außer der eigenen Willensentscheidung: Jetzt bin ich Makler. Andere Hürden? Vielleicht. Mir waren sie jedenfalls nicht bekannt. Mit der Unschuld eines  Candide stürzte ich mich in den schnellen Fluss des Immobilienmarktes.

Der junge Architekt hatte sich natürlich nicht ganz selbstlos auf mich eingeschossen. Ich wusste nicht, dass er mehr als verzweifelt war. Sein Neubau stand auf der Immermannstraße, zwar nur wenige Meter von der Schadowstrasse entfernt. Aber während dort die Läden Millionen-Umsätze machten, war die Immermannstraße noch nicht, wie heute, "Tokyo Allee", sondern "tote Hose". Ohne Publikumsverkehr konnte natürlich kein Geschäft existieren. Long story short. Ich vermietete ihm keinen einzigen Laden, aber 25 seiner Appartements. Meine Provision war auch nicht 80 000 DM, sondern "nur" 16 000. Makler - was für eine herrliche Rolle. Ich war im Himmel.



Schlossherr ohne Eigenkapital

Als ich nun also an diesem sonnigen Schicksalstag am Schlosstor stand, war ich mit fünf Jahren Berufserfahrung ein "Profi" und reif für mein erstes eigenes Immobilien-Engagement. Ich hatte zwar keine Schulden, aber auch kein Eigenkapital. Wie kauft man unter diesen Umständen einen Schlossbesitz mit Bauernhof und romantischem Park, dessen Sanierung Millionen kosten würden? Tag und Nacht war mein einziger Gedanke: Da will ich wohnen. Aber ohne Eigenkapital - was tun?

Reitclub mit Hotel, Restaurant und Golfplatz war die erste Idee. Die ersten 10 Banken fragten: Wie alt ist die Bausubstanz, 1918? Nein. 1818? Nein. 1718? Nein. 1618? Nein. 1518? Nein. Danke schön. Auf Wiedersehen. Der 14. oder 15. Banker fragte: Warum machen Sie nicht Eigentumswohnungen? Eigentumswohnungen? Nie gehört. Ich hatte Mietwohnungen, einige Häuser und Grundstücke vermakelt, aber eine Eigentumswohnung war mir noch nicht untergekommen. Heute kaum vorstellbar, aber 1964 hatte sich die Eigentumswohnung als Alternative zum Eigenheim in Deutschland noch in keiner Weise durchgesetzt.

Ich lernte alles, was es über Eigentumswohnungen zu lernen gab, und war bald von der Idee begeistert. Ich würde den Besitz "demokratisieren", kleine schicke Wohnungen schaffen und mit dem Kaufpreis die Sanierung bezahlen. Das war die Lösung. Simple, das konnte jeder verstehen.

Als ich schließlich mit der 16. Bank verhandelte, einem Haaner Kreditinstitut, da hatte sich meine Vision so weit konkretisiert, dass sich meine Begeisterung auf die Direktoren übertrug und sie mir den gesamten Kaufpreis von damals 110 000 DM finanzierten.


Nach neun Monaten Kampf um die Finanzierung hatte ich also das Geld für den Kauf, nur um von Kronprinz zu hören, nach so langer Zeit hätte man das Vertrauen in mich verloren. Ein anderer Kaufinteressent wäre aufgetaucht, und man hätte ihm bereits das Schloss zugesagt.

Ich glaubte, meine Welt stürzte ein. Aber wie so manches Mal später in meinem Leben: Eine höhere Kraft hatte anderes im Sinn. Ein Mitarbeiter von Kronprinz, der für den Verkauf zuständig war und wusste, mit wie viel Energie ich die Finanzierung betrieben hatte, brachte mich mit dem Justitiar zusammen, einem sehr feinen Gentleman. Als er meine Geschichte hörte, sagte er nur: "Das Schloss gehört Ihnen". Wenige Tage später saß ich mit den hohen Herren in einem Konferenzsaal von der Größe der Reichskanzlei und unterschrieb den Kaufvertrag.

Mein erster Weg führte natürlich zurück nach Caspersbroich. Ich erinnere mich, wie ich zum ersten Mal als "Eigentümer" durch das Tor ging und dachte: Warum jubilierst du nicht, warum schreist du nicht vor Freude den Bäumen, Büschen, Mauern zu, ihr seid alle mein? Ich fühlte mich völlig ausgebrannt, und nachdem die monatelange Spannung weg war, entsetzlich müde. Ich war einfach urlaubsreif. Aber zum Ausruhen war wenig Zeit; ich musste schnell zurück ins Ittertal und mit meinen Marketingaktionen beginnen.

Bis dahin hatte ich zwar nie wirklich viel Geld gehabt, aber immer genug, um Spaß zu haben. Plötzlich wurde mir bewusst, dass ich der Bank die gigantische Summe von 110 000 DM schuldete und das Zins-Taxameter unerbittlich tickte. Jede Stunde kostete Geld. Von diesem Moment an sollte ich für die nächsten 25 Jahre lernen, was Geldsorgen sind.

 
Schloss Caspersbroich
 
Ex-Schlossherr
Claus Gorges am Tor,
32 Jahre später
 


Die Idee: Eigentumswohnungen

1963/64 war ich der Erste in Deutschland, der die Idee in die Tat umsetzte, ein altes Schloss durch Umgestaltung in Eigentumswohnungen zu sanieren. Mit einem Architekten aus Paris war ich einer der beiden Ersten in Europa. Er allerdings war smart und verkaufte die Räume seines Schlosses bei Orleans in unrestauriertem Zustand, so, wie sie waren, nahm seinen Gewinn und überließ seine Käufer ihrem Schicksal. Da ich aber selbst unter den 600 Jahre alten Balken des Daches wohnen wollte, versprach ich meinen Käufern, die alten Mauern in elegante Wohnungen zu verwandeln, mit allem Komfort, den sie auch in Neubauten gewohnt waren: Zentralheizung, neue Elektro-Installationen, schicke Bäder, Einbauküchen usw.

Ich stürzte mich gleich in meine Werbecampagne. Die Schlagzeile meiner ersten Anzeige verkündete: Louis XIV. würde meine Wohnungen auf Schloss Caspersbroich nicht kaufen! Denn was um alles in der Welt sollte der Sonnenkönig mit einem Apartment in der Größe des Ankleidezimmers seiner Geliebten anfangen? Wenn Sie allerdings, wie ich selbst, mit einer behaglichen Zwei- oder Dreizimmer-Eigentumswohnung glücklich sein möchten, dann verspreche ich Ihnen mehr Komfort, als selbst 50 Diener ihrem König je hätten liefern können. Sie werden gleichzeitig Miteigentuemer eines 10 000 qm großen, wunderschönen Parks. Warum kommen Sie mich nicht besuchen und sehen selbst?

Während des ersten Wochenendes kamen 30 neugierige Familien und "picknickten" im Schloss Park. Meine spätere Frau und ich führten sie in Zweiergruppen durch die kalten und feuchten Räume, sorgfältig darauf bedacht, jeglichen Schall und Augenkontakt zu vermeiden. Viele fröstelten. Manche fürchteten sich vor Gespenstern. Niemand glaubte mir, dass es mir je gelingen würde, die nassen Wände zu trocknen und die Räume ausreichend zu beheizen. Zum Glück wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass ich während der nächsten drei Jahre mit 260 Interessenten verhandeln würde, bis schließlich meine sechs Wohnungen verkauft waren. Da der Markt für mein Angebot noch nicht existierte, war mein Verkaufs-Erfolg eine reine Frage der Ausdauer.

 
Caspersbroich
 
Der Ritter im Park -
als hielte er seine schützende Hand
über das Projekt...
 

Natürlich hatte ich damals nicht die geringste Ahnung, worauf ich mich einließ. Meinen Käufern musste ich Festpreise garantieren, während ich für das gesamte Baurisiko allein verantwortlich war. Glücklicherweise hatte ich zumindest in der Denkmalpflegerin, die damals für Caspersbroich zuständig war, eine Bundesgenossin. Sie liebte das Schloss seit ihrer Kindheit und war überglücklich, in mir einen "Verrückten" gefunden zu haben, der es vor dem Verfall bewahrte. Da Schloss Caspersbroich kulturgeschichtlich nicht zu den Kostbarsten zählt, ließ sie mir völlig freie Hand und erlaubte mir zum Beispiel, allein in meiner Dachwohnung 65 Fenster einzubauen, um Licht und Sonne hereinzulassen.

Als neuer Besitzer stellte ich mich dem früheren Eigentümer, Baron von Wolf, vor. Er und seine charmante Frau Eva waren fasziniert von meiner Idee, das Schloss durch Umwandlung in Eigentumswohnungen zu sanieren. Noch bevor ich mit dem Umbau beginnen konnte, besuchten sie mich häufiger zusammen mit einem Onkel, Graf Zubow, der nach der Russischen Revolution in Paris an der Sorbonne Geschichte lehrte. Er hatte viele Sommer auf Caspersbroich verbracht.

Ich erinnere mich, wie sich der alte Herr in meinen Arm hängte und mit mir durch das ganze Schloss wanderte. Er war bereits über 80, aber mit seinem Charme und Witz eine schillernde Figur. Wohin kommen die Bäder, wie trennen Sie diese Räume als geschlossene Wohnungen ab, wo kommt die Heizung hin? Er war an jedem Detail interessiert.

 
Schloss Caspersbroich
 
Das sanierte
Schloss Caspersbroich
 


Schwierigkeiten ...

Aber die Schwierigkeiten waren gewaltig. Zunächst die Verhandlungen mit den 16 Banken, bis ich das Schloss endlich kaufen konnte, dann 260 Kaufinteressenten, bis ich sechs Wohnungen verkauft hatte und mit dem Verkaufserlös wenigstens einen Teil der Baukosten bezahlen konnte, die um 110 % über meiner mehr als groben Kostenschätzung lagen! Die Kosten der gesamten Renovierung beliefen sich auf rund eine Million DM, was heute etwa fünf oder sechs Millionen entsprechen würde.

Das Schwierigste während des Umbaus war der Schallschutz. In den ältesten Teil des Schlosses mit seinen dicken Bruchsteinmauern flossen über 400 cbm Beton in neue Decken - mit erstklassigem Resultat. Aber der größte Teil des Schlosses besteht aus Fachwerk, das natürlich nicht stark genug ist, um schwere Betondecken zu tragen. Hier hatte ich die Idee, neue Halbsteinwände hochzuziehen und von Hand Sand einzufüllen, weil der Schall nur mit Gewicht zu bekämpfen ist. Ein Schall-Tester vom WDR in Köln fand heraus, dass die erzielten Werte besser waren als in einem Neubau!

Die Halle des Schlosses sah damals genau so aus wie auf der folgenden Zeichnung abgebildet. Die Spindel der alten Wendeltreppe ist besonders bemerkenswert, weil sie meisterhaft in einem Stück aus einem Baum gearbeitet wurde. Da der unterste Teil, vielleicht 10-15 Zentimeter, durch Feuchtigkeit zerstört war, beauftragte ich einen Schreiner, vorsichtig zentimeterweise heraus zu nehmen, was ersetzt werden musste. Unglückseligerweise blieb ich nicht neben ihm stehen, so dass er mehrere Scheiben von insgesamt zwei Metern herausschneiden konnte, bevor ich das Fiasko bemerkte. Ein Bildhauer von der Düsseldorfer Kunstakademie verlangte ein Vermögen von mir, um den Fehler zu reparieren.

 
Schloss Caspersbroich

 
Halle im Haus Caspersbroich
Bild-Quelle: © Stadtarchiv Solingen
 
 


Sanierung gelungen!

Ich übergab eine Wohnung nach der anderen. Und ich hatte wahrhaftig penible Käufer. Was mir heute wie ein Wunder erscheint: Nicht ein einziger Käufer konnte auch nur einen einzigen Mangel melden!

Nachdem alles fertig war, kam natürlich die Presse. Mehrere Zeitschriften priesen meine Idee als "Modell"; die Umwandlung historischer Bausubstanz in Eigentumswohnungen wurde Steuermodell und trug dazu bei, eine sehr große Zahl von Schlössern und Burgen zu erhalten.


 
 
Caspersbroich
 
Caspersbroich
 
Einblicke in die Wohnung des Bauherrn Claus Gorges unter dem 600 Jahre alten Dach des Schlosses  

Die früheren Schlossherren waren begeistert, als sie das fertige Werk besichtigen konnten. Auch die   Schauspielerin Lil Dagover, Mutter der einstigen Schlossherrin Baronin Eva von Wolf, die früher viele Sommer auf Caspersbroich verbracht hatte, besuchte mich. Sie war damals bereits über 80 Jahre alt: Ein schmales Figürchen mit einem Engelsgesicht. Sie konnte es einfach nicht fassen, dass es mir gelungen war, die muffigen und Jahrhunderte alten Mauern in elegante und vor allem trockene und warme Wohnungen zu verwandeln. Beim Tee erzählte sie faszinierende Geschichten aus ihrer über 60jährigen Karriere...

 
Caspersbroich
Die Wohnung des Bauherrn

 
Caspersbroich
 
 

Auch später wählten prominente Zeitgenossen die Schlossanlage als Domizil oder kamen hierher zu Besuch. So war der   Bankier Alfred Herrhausen von 1975 bis 1984 mein Mieter im Kutscherhaus. Ich erinnere mich noch gut an den tragischen Tag im November 1989, als er einem Attentat zum Opfer fiel. Helmut Kohl - damals noch nicht Kanzler - war häufig bei ihm zu Besuch gewesen.

An dieser Stelle möchte ich meinen Käufern und Miteigentümern sehr herzlich danken! Ohne ihr Vertrauen in mich wäre die Sanierung nur eine Vision geblieben.

 
 

Kutscherhaus
 
Das Kutscherhaus.
Hier lebte Alfred Herrhausen 1975-84.
 


Die skandalöse Scheune

Die Umwandlung der alten Scheune ist eine andere Geschichte, die sich im Rückblick amüsant anhört, aber damals bitterer Ernst war. Wenn Sie im Archiv des Solinger Tageblattes stöbern, werden Sie in den Jahren 1972-74 halbseitige Berichte über den größten Solinger Bau-Skandal aller Zeiten lesen können.

Was war passiert? Nachdem das Schloss saniert war, galt natürlich mein Interesse auch der Sanierung der Nebengebäude: einer Scheune und einer architektonisch wunderschönen Fachwerk-Remise aus dem 18. Jahrhundert und ihrer Umwandlung in Eigentumswohnungen. Um allerdings die Baugenehmigung für die Scheune zu erhalten, musste ich mich verpflichten, im Gegenzug die Remise abzureißen. Eine aus meiner Sicht irrsinnige Bedingung, die ich zähneknirschend erfüllte, ohne je den Grund verstanden zu haben. Dies muss unbewusst meine späteren Handlungen beeinflusst haben...

Die Baugenehmigung für den Umbau der Scheune galt für rund 850 qm Wohnfläche. Während des Bauens wurde mir klar, dass die genehmigten Wohnungen einfach schlechte Architektur waren. Ohne auch nur ein einziges Mal an die Bauaufsicht zu denken, änderte ich mit meinem Statiker alles, was sich nur ändern ließ. Ein Dachgarten hier - eine zusätzliche Etage da. Am Ende hatte sich die Wohnfläche um fast 50 % auf 1 250 qm erhöht. Das Resultat: Wirklich erstklassige Grundrisse für vier luxuriöse Wohnungen im Erdgeschoss und zwei Penthäuser im Obergeschoss.

 
Schloss Caspersbroich
Die Scheune vor der Sanierung ...
 
Kutscherhaus
... und danach.
 
 

Als der Rohbau bereits stand, kam ein Vertreter der Bauaufsicht, die genehmigten Pläne in der Hand. Zunächst muss er wohl gedacht haben, er sei auf der falschen Baustelle. Dann wurder er grün, dann gelb, dann rot, schmiss sich vor Wut in eine Regenpfütze und legte mir am nächsten Tag den Bau still. Oh, oh. Now I was really in trouble. Damals lagen die Bauzinsen bei 14 %, und ich hatte bereits über eine halbe Million im Rohbau stecken.

Again, long story short. Ich ging nach Californien, wurde mir dort in zahlreichen bewusstseins-erweiternden Workshops über viele Dinge klar und kam mit neuer Motivation zurück. Dann lief alles wie am Schnürchen. Ich erhielt Hilfestellung beim Düsseldorfer Petitionsausschuss des Landtages. Die Damen und Herren versuchten dem Solinger Bauausschuss klar zu machen, dass es völlig unsinnig wäre, mich in den Ruin zu treiben, da sie keinerlei rechtliche Handhabe hatten, mir die Baugenehmigung für die qualitäts-verbessernden Änderungen zu verweigern.

Was ich nicht verstand: Nachdem ich das Schloss davor bewahrt hatte, zur Ruine zu verfallen, versuchten nun so manche ehrenwerten Solinger Bürger, mit mir ein Exempel zu statuieren. "Lass dat Ding doch verkommen", sollen einige geflüstert haben.

 
 

Caspersbroich
In der Scheune: Untere Ebene der Galerie mit eigener I-Ching Spiegel-Kunst (1984-1991)
 

Caspersbroich
Claus Gorges' Atelier im rechten Penthaus
 

Ich habe mich oft gefragt, warum diese Menschen sich mir gegenüber so feindselig verhielten. Vielleicht bin ich in ein kollektives Fettnäpfchen getreten. Viele mögen davon geträumt haben, einmal eine Garage "schwarz" hochzuziehen. Aber dass jemand kommt und eine gültige Baugenehmigung mit 400 qm aus den Angeln hebt, das muss einfach die Vorstellungskraft und Toleranzgrenze dieser Solinger Bürger gesprengt haben.

Am Morgen, als wir uns vor dem Verwaltungsgericht trafen und der Richter - in elegantem Blau - erschien, wusste ich, dass ich in guten Händen war. Er verkündete nach fünf Minuten, die Stadt Solingen sei verpflichtet, mir die Baugenehmigung sofort zu erteilen. Begründung: Die Wohnungen wären in der Tat weit besser designed als die genehmigten. Außerdem befände sich die strittige Scheune so sehr am Ende der Welt, dass ein öffentliches Interesse wirklich nicht berührt war. Die Stadtkasse Solingen musste sogar die Kosten des Verfahrens bezahlen!

Ich war überglücklich, nach vier Jahren Baustilllegung endlich meine exquisiten Atelierwohnungen fertigstellen zu können. Auch hier, wie beim Schloss, war ich nur durch das Wirken einer höheren Macht dem Bankrott entkommen.

 
Caspersbroich
Im linken Penthouse der Scheune: Eingang zur I-Ching Art Gallery ...
 
Caspersbroich
... mit eigener I-Ching Spiegel-Kunst
 

Also wurde der 22. Mai 1963 nicht nur für mich zum Schicksalstag, sondern vor allem für Schloss Caspersbroich. Der Bauzustand der gesamten Anlage ist heute besser als während seiner gesamten 600 oder 700 Jahre alten Geschichte. Wenn nicht irgendein Wahnsinniger einen neuen Krieg anzettelt und das Schloss durch Bomben oder Feuer zerstört wird, werden kommende Generationen noch in den nächsten Jahrhunderten die Schönheit der "alten Dame" bewundern und geniessen können.



Aber meine Geschichte wäre nicht vollständig, wenn ich nicht auch das Folgende erwähnte. Derselbe 22. Mai 1963, der für mich zu einem meiner wichtigsten Tage wurde, war für eine junge, schöne Frau der traurigste ihres Lebens. Nachdem sie sechs Wochen lang mit ihrer großen Liebe verheiratet gewesen war, verstarb ihr Mann in ihren Armen. Neun Monate später - unmittelbar bevor ich Caspersbroich kaufen konnte - führte uns das Schicksal zusammen, und ein Jahr später waren Lona und ich verheiratet.

Unser Sohn, Constantin, wurde 1966 geboren, und für zehn Jahre lebten wir sehr glücklich unter den 600 Jahre alten Balken des Dachgeschosses auf Schloss Caspersbroich. Obwohl Lona mir meine Sorgen bei der Sanierung nicht abnehmen konnte, war ihre Hilfe dennoch für mich unersetzlich. Hierfür möchte ich ihr sehr, sehr herzlich und für alle Zeiten danken.

 

 
Sohn Constantin, ca. 1984;
heute Innenarchitekt
in Palm Beach, Florida, USA
 

© 2005 Claus Gorges, Big Sur, California, USA
Die Fotos zu diesem Text hat Claus Gorges zur Veröffentlichung
auf dieser Webseite zur Verfügung gestellt.
Sie unterliegen seinem Copyright, soweit nichts anderes angegeben ist.

Die "alte Dame", wie Bauherr Claus Gorges das Schloss Caspersbroich nennt, hat also nicht nur ein oberflächliches Make-up erhalten, sondern wurde von den Grundmauern bis zum Dach liebevoll saniert. Er selbst lebte seinen "German Dream" von 1966 bis 1980 im Schloss und von 1984 bis 1991 in der Scheune. Dann siedelte er nach Californien um und lebt hier als Künstler seinen "American Dream".

Gegenwärtig (2005) entwickelt er auf seinem Grundstück in Big Sur den ersten Prototyp seiner neuen Kunstform, die er Solar Jewelry nennt: "Mein Solar-Schloss Chateau I-Ching wird mehr heisses Wasser und sauberen Strom produzieren, als die Eigentümer verbrauchen können, so dass der Überschuss verkauft werden kann. Kunst, die hilft, sich selbst zu bezahlen." Claus Gorges, heute so enthusiastisch wie eh, beschreibt sein neues Projekt einer Energiespar-Luxus-Wohn-Alternative:


"Solar Jewelry ist die aufregenste avantgardistische Kunstform des 21. Jahrhunderts. Ich habe vor, unserem Gouverneur das Projekt als eine Niedrig-Kosten-Luxus-Wohnalternative vorzustellen, einfach angelegt und aus den Materialien Beton, Stahl und Stroh mit Hightech-Solar-Elementen. Solar Jewellery hat das Potenzial unsere Energieversorgung zu revolutionieren und Californiens Exportprodukt Nr. 1 zu werden. Die Zeit wird zeigen, ob die höhere Macht, die mir mehrfach bei der Sanierung von Schloss Caspersbroich geholfen hat, auch die schützende Hand über meine neuesten Visionen halten wird." [Gorges]

 
Caspersbroich

 
Caspersbroich

 



Presse-Artikel

Artikel über die Sanierung von Schloss Caspersbroich
sind erschienen in den Zeitschriften
  • Twen, Heft Nr. 1 / Januar 1968,
  • Architektur & Wohnen, Heft Winterhalbjahr 1972/73,
  • Die Kunst und das schöne Heim, Heft Nr. 6 / Juni 1976,
  • Stern.
[Gorges]

Artikel in der Solinger Tagespresse:
  • Solinger Stadtpost (Rheinische Post) vom 27. April 1968:
    "Aus Rittersitz wurden Eigentumswohnungen. Schloßherren in Raten. Schloß Caspersbroich und die Idee des Immobilienmaklers C. Georges"
  • Solinger Stadtpost (Rheinische Post) vom 8. Juni 1968:
    "Rittersitz trotzte Jahrhunderten. Kurze Geschichte des in Eigentumswohnungen umgewandelten Schlosses Caspersbroich"
  • Solinger Tageblatt vom 19. März 1974:
    "Im Schloss Caspersbroich wurden 1 500 Kubikmeter Wohnraum illegal gebaut. Bauausschuß und Bauamt für Abbruch. Präzedenzfall soll bis zum letzten ausgefochten werden."
  • Solinger Tageblatt vom 7. Februar 1975:
    "Schwarzbau-Affäre Caspersbroich geht bald in die erste Runde vor dem Verwaltungsgericht. Bauherr verklagt Stadt Solingen. Bauausschuß war gegen nachträglich Genehmigung."
  • Solinger Tageblatt vom 27. Juni 1975, Artikel und Kommentar:
    "Verwaltungsgericht urteilte in der Schwarzbau-Affäre Caspersbroich: Die Stadt muß den illegal gebauten Wohnraum billigen." (Urteil vom 30.4.1975)

11 Jahre später freute sich aber schließlich auch das Solinger Tageblatt über das rund-erneuerte Schloss:

Solinger Tageblatt vom 20. Dezember 1986, Seite 17

"Zu einem der schönsten Häuser des Jahres 1986 zählt jetzt das Schloß Caspersbroich auf der Stadtgrenze zwischen Ohligs und Haan. Nach den beendeten Restaurierungs- und Erhaltungsarbeiten zeigt sich der Hauptteil des Schlosses mit seinem Fachwerk in einer bezaubernden Ansicht. Das teilweise aus dem Jahre 1472 stammende Gebäude gestalteten in Zusammenarbeit von Eigentümern, der Verwaltung und dem Landeskonservator ausschließlich Handwerksbetriebe aus Solingen.

Erneuert wurden die kupfernen Turmspitzen, die Rinnen- und Regenspeier verändert, Dachbereiche neu eingefaßt, repariert und verschiefert. Zimmerleute entfernten und paßten originalgetreu wieder Balken ein, die teilweise mit alten Ornamenten und Schnitzwerk versehen sind. Stukkateure richteten die entstandenen Putzschäden her. Die Malerarbeiten wurden bis hin zu den einfassenden Zäunen und schmiedeeisernen Toren mit umweltfreundlichen Produkten ausgeführt."


  Geschichte von Caspersbroich
  English version


Quellen:
  • Claus Gorges (E-Mails 05/06/07/2005)
  • Rheinische Post, Solinger Morgenpost, Solinger Tageblatt

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