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Diverses    Pferde-Alltag in alter Zeit
Straßen- und Verkehrsverhältnisse


Über die Straßen- und Verkehrsverhältnisse
im Bergischen Land (18./19. Jh.)


Die bergische Wirtschaft war in besonderem Maße auf Rohstoffzufuhr und Fernhandelsverbindungen angewiesen, und so hing sehr viel von guten Verkehrsverhältnissen ab. Den bergischen Kaufleuten konnte die Aktivität der Franzosen im Straßenbau - wenn sie wohl auch aus strategischen Gründen erfolgten - nur recht sein, denn in diesem Bereich lagen die Dinge im Bergischen Land vor der sog. Franzosenzeit (Ende 18./Anfang 19. Jh.) noch sehr im Argen.

Zwar floss der Rhein, die damals wichtigste Verkehrsader Deutschlands, nur eine halbe Tagesreise entfernt, doch waren die Straßen von den bergischen Gewerbestädten zum Rhein ebenso wie zwischen den Städten entweder nicht genügend ausgebaut oder in einem dermaßen schlechten Zustand, "daß der Reisende wegen der darin ausgefahrnen Löcher und großen Steine jeden Augenblick den Wagen zu zerbrechen risquiret", wie der Reisende Christian Friedrich Meyer 1793 über die Strecke Düsseldorf-Elberfeld berichtet. [Huck / Reulecke S. 17 ff]

Von der Beschreibung eines Reisenden, der 1793 durch Langenfeld / Rheinland kam, berichtet auch Rolf Müller:


"Ferner war der Weg von Langenfeld nach Elberfeld »so abscheulich und gefährlich, daß es in der Tat für jemanden, der ihn nicht kennt, unmöglich ist, sich davon einen wahren Begriff zu machen, ausgefahrene Felsen, Procipissen (steile Abhänge), ungeheure Berge, und zwar immer bei Nacht zu passieren...« Kein Pferd halte diese Strapazen länger als ein Jahr aus, »weil in den tiefen und schmalen in die Felsen eingreifenden Geleise besonders bei dem nächtlichen Ritt in gar kurzer Zeit der Huf des Pferdes zugrunde geht...« Die Klagen blieben im ganzen ohne Wirkung."
[Müller S. 493]


Kunststraßen, d.h. befestigte Chausseen, gab es im Bergischen Land fast gar nicht, anders als in der damals schon besser ausgestatteten preußischen Mark, statt dessen vorwiegend unbefestigte Polizeystraßen. Trotz eines ausgeklügelten Wegewartungssystems bedeutete das Sand, Lehm und Staub im Sommer und im Winter tiefe morastige Löcher, dicke Steine, Wurzeln und Geröll. Unfälle mit umgestürzten oder zerbrochenen Kutschen und Wagen kamen ebenso vor wie Verkehrsunfälle heute. Da die Wirte und die einheimischen Handwerker möglichst viel an den Durchreisenden verdienen wollten, hatten sie kaum Interesse an besseren Wegen und mussten immer wieder von den Behörden an ihre Pflicht erinnert werden. [Huck/Reulecke S. 18 ff]


"Die Verkehrstechnik im 17. und 18. Jahrhundert befand sich ganz und gar noch auf mittelalterlichem Niveau. Sicher fehlten weithin auch die Geldmittel, mit denen man die Straßen in einen guten Zustand hätte bringen könne. Entscheidend aber dürfte die Einstellung der Menschen im Mittelalter zum Straßenverkehr überhaupt gewesen sein.

Solange es so etwas Sonderbares wie die 'Grundruhr' gab, nach der der Grundherr Anspruch auf umgestürztes Warengut hatte, solange Menschen es für richtig hielten, die Reisenden nicht zu schnell fortkommen zu lassen, um an Vorspann und Wagenreparaturen, Hufbeschlag und Übernachtungen verdienen zu können, solange man glaubte, gute Straßen zögen fremde Truppen und ungebetene Gäste ins Land, solange man es noch um die Mitte des 17. Jahrhunderts für richtig hielt, das Reisen im Wagen zu bekämpfen, weil es dem Volkswohl abträglich sei, solange mußte der Zustand der Straßen im argen bleiben.

Darüber hinaus muß man an den nahe liegenden Rhein erinnern, der mit seiner Segel- und Treidelschiffahrt den damaligen Fernstraßen weit überlegen war und den Gedanken, Landwege auszubauen, oft gar nicht aufkommen ließ."

[Müller S. 482]


Ein typisches Beispiel für die schleppende Straßenentwicklung ist die Straßenverbindung von Elberfeld über Cronenberg, die Kohlfurther Brücke nach Solingen und weiter nach Hitdorf an den Rhein, wo man die teuren Kölner Stapel- und Umladerechte umgehen konnte.

  Stapelrecht: Im Mittelalter das einzelnen Städten verliehene Recht, Durchzugswaren einige Tage anzuhalten und zum Verkauf anbieten zu lassen. [Beckmann]   - Bis zur Neuzeit bestehendes Recht der Städte, die freie Durchfuhr v. Handelswaren (ohne Feilhaltung) zu verbieten. [Knaur]

In seinem Reisebericht aus dem Jahr 1792 wundert sich Meyer darüber, dass dieser Weg für Wagen völlig unpassierbar sei, weshalb Elberfelder Güter nach Köln und Frankfurt immer erst den erheblichen Umweg über Düsseldorf machen mussten.

1796 wurde die Wegstrecke von Solingen zur Kohlfurther Brücke fertiggestellt, der Rest blieb weiterhin unbefahrbar. Unter solchen Reisebedingungen war im Bergischen Land um 1800 meist der Pferderitt die einzige Möglichkeit, wenn man etwas schneller von Ort zu Ort kommen wollte.

Erst unter dem Druck französischer Beamter und schließlich dann in preußischer Zeit besserten sich die Straßenverhältnisse zunehmend. Neben die schwerfälligen und unbequemen Personenpostwagen traten jetzt die besser eingerichteten Diligencen, d.h. die Eilwagen; die Bespannung wurde verbessert, und man achtete auf genauere Anschlüsse an den Poststationen. [Huck/Reulecke S. 20]

  Über das Reisen mit der Postkutsche




Einiges ist auch aus den Briefen eines französischen Emigranten im Wuppertal der Jahre 1792/93 zu erfahren:

"Die Landstraße von Düsseldorf nach Metmann ist mit Wirtshäusern im Ueberfluß versehen, wovon wenigstens ein Drittel erst seit sechs bis zehn Jahren neu angelegt ist. [...] Dagegen sind aber die meisten zu Herbergen für Fuhrleute sehr bequem eingerichtet und mit guten Ställen versehen." [Huck / Reulecke S. 51] Über Mettmann berichtet er weiter:


"Die Straßen sind größtentheils schlecht, schmal, uneben, und deswegen eben so unbequem zum Gehen, als zum Reiten und Fahren. Der Magistrat dieses Orts hat aber im vorigen Jahre, in einigen Strassen, auf welchen alles durchpassiren muß, was von Düsseldorf nach Elberfeld, oder zurückkommt, einen sehr guten Steinweg anlegen lassen, und dadurch den ehmaligen Klagen der Reisenden Einhalt gethan. Den halben Stüber, welcher dafür von einem Pferde als Weggeld am Thore bezahlt werden muß, achtet gewiß Niemand.

Ueberhaupt lässt man es sich seit einigen Jahren in diesem Herzogthume vorzüglich angelegen seyn, gute und feste Wege anzulegen. Wegebesserung und richtige Ausmessung der Landstraßen gehören auch hauptsächlich mit zur Erhebung des Handels und Gewerbes eines Landes. Der Kaufmann gewinnt dadurch an Fracht, und der Fuhrmann schont sein Vieh. Auch der Landmann befindet sich sehr wohl dabei, wenn er nicht blos bei Verführung seines Getraides, Holzes etc. zur Stadt, sondern auch zuweilen bei Frachtfuhren seine Pferde nebst dem Geschirre nicht durch böse Wege zu Grunde richten darf.

Die Chaussee von Mettmann bis Elberfeld scheint mir bei schlechtem Herbstwetter, lange nicht so gut zu fahren zu seyn, als der im Sande angelegte Steinweg von Gerresheim bis Düsseldorf. Hierzu tragen nun wohl die vielen, oft sehr steilen Berge, das Meiste dazu bei, weil bei starken und anhaltenden Regengüssen, besonders im Frühling und Herbst, das Wasser von den Bergen stark zusammenlauft, die klein geschlagenen oder gefahrnen Steine mit sich fortreißt, und hier und da Löcher zurückläßt.

Dann scheint aber auch ein großer Theil der Schuld auf die Fuhrleute selbst zu fallen, welche so schwer von dem alten Schlendrian, ein und dasselbe Geleise zu fahren, abzubringen sind. Wie groß der daraus entstehende Nachtheil sey, kann man vorzüglich an dem sehr schönen Wege zwischen Elberfeld und Gemark sehen, wo oft in einigen Tagen die Geleisen so tief gefahren sind, daß man es kaum begreiffen kann, wie es möglich ist. Vier Männer haben hier auf einer Strecke von einer halben Stunde, täglich ihre volle Arbeit, sie wieder mit andern Steinen auszufüllen. [...]

Ferner werden viele von den hiesigen Landstraßen, zum Theil von den Einwohnern jedes Amts unterhalten. Diese ziehen auch das Weggeld und sorgen für die Wegebesserung. Ein großer Theil der Fuhrleute selbst wohnt vielleicht in diesen Gegenden, gehört folglich mit zu dem Amte, welches einen bestimmten Theil des Weges im Stande halten muß. [...]

Endlich werden auch diejenigen Wege, auf welchen blos Karren und nur selten Wagen fahren, auch viel geschwinder verdorben, als diejenigen, wo beide Arten von Fuhren sich das Gleichgewicht halten. Das Erste ist hier der Fall."

[Huck / Reulecke S. 53]


Mettmann 1987  
Über solche Straßen hätte sich
ein Fuhrmann früher sicherlich gefreut.
Feldweg bei Mettmann, 1987.




Aus dem Jahr 1810 berichtet Graf Jaques-Claude Beugnot, kaiserlicher Kommissar im Großherzogtum Berg, von einer Reise zu den Fabriken von Elberfeld, Barmen, Solingen, Remscheid etc., nicht ohne kritische Anmerkungen:


"Am 28. Mai [gemeint ist das Jahr 1810, d. Hg.] in Düsseldorf aufgebrochen, um die Fabriken in Elberfeld, Barmen Ronsdorf, Lennep, Remscheid, Solingen, etc. etc. im einzelnen zu besichtigen.

Auf der Straße von Düsseldorf nach Elberfeld nichts Bemerkenswertes. Man durchfährt den Marktflecken Mettmann, der vormals von starken Mauern und Türmen flankiert war. Davon ist nur noch ein Stadttor geblieben, das man niederlegen sollte, denn es hindert den öffentlichen Verkehr und ist heute ein weder nützliches noch gefälliges Bauwerk.

Die Straße ist gut und solide; sie ist so breit wie die französischen Straßen zweiter Ordnung angelegt, und obwohl sie keinen Unterbau hat, hält sie doch dem Druck der Wagen stand, oder besser: ihrem Einschnitt; denn alle Wagen, die mir begegneten, waren mit drei oder vier Pferden hintereinander bespannt und ruhten auf zwei Rädern mit sehr schmalen Felgen.

Nichts stünde dem Gebrauch von Rädern mit breiter Felge entgegen, doch müßten sie durch übereinstimmende Verordnungen in allen Rheinbundstaaten vorgeschrieben werden; die in jeder anderen Hinsicht belächelnswerte Macht, die der Fürst von ... als Herr über die vier Quadratmeilen seiner Staaten und der Prinz von der Lippe als Suverän über einen Marktflecken und den vierten Teil einer Vorstadt ausüben, stellt jedoch bislang der Einführung breiter Felgen ebenso unüberwindliche Hindernisse entgegen wie der eines vernünftigen Zoll-, Post- und Fuhrwesens und überhaupt jeder systematischen Verbesserung für den Großteil des Rheinbundes.

Der Fahrdamm der Straße wird durch Schranken versperrt, so daß man nur die Bankette befahren kann. Ich fragte nach dem Grund dafür. Man gab mir zur Anwort, die Bankette würden hierzulande 'Sommerweg' genannt; in der warmen Jahreszeit und solange er befahrbar sei, zwinge man die Wagenführer, soweit eben möglich, nur diesen Weg zu benutzen. Infolgedessen wird das Material, aus dem der Fahrdamm aufgeschüttet ist, für die Regenzeit geschont. Dann können die Bankette eingeebnet werden, und es liegt auf der Hand, daß die Ausgaben für diese Arbeit weit niedriger sind als die Ersparnis, die man bei den Straßenbaumaterialien erzielt. Das ist eine kluge Maßnahme.

Die Wegstrecke wird durch Meilensteine und noch einmal weiter bis auf die Minute herab unterteilt.

Überall sonst wäre eine so feine Aufteilung ein Luxus, hier aber handelt es sich, wie man mir erklärte, um eine Notwendigkeit. Die Unterhaltung und selbst der Bau von Straßen erfolgt hier nicht durch Unternehmer, sondern durch Ökonomie. Die Regierung kümmert sich nämlich darum; sie unterteilt die Straße in zahlreiche kleine Stücke, die jeweils durch eine Person zu warten sind. Bei einem derartigen System ist eine so weitgehende Untergliederung nun allerdings zweckmäßig; einmal festgelegt, können sich Regierung wie Privatleute auf sie berufen."

[Huck / Reulecke S. 168]


Haan 1987
 
Inzwischen haben sich die
Straßenverhältnisse weiter verbessert:
Auch im Bergischen Land gibt es
befestigte "Kunststraßen".



Quellen:
  • Beckmann (1959)
  • Huck / Reulecke (1978)
  • Knaur (1991)
  • Müller, Rolf (1992)

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    19.06.2003, zuletzt aktualisiert 26.10.2009