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"In Kirche und Vaterland"

Aufzeichnungen aus den Jahren 1903-1939

Unsere alte Familienbibel enthält im Vorspann einige Seiten, die für persönliche Aufzeichnungen gedacht sind: über Geburten und Taufen, Heiraten und Todesfälle in der Familie - eine hilfreiche Informationsquelle, als ich mit der Familienforschung begann. Weitere ursprünglich leere Seiten tragen die vorgedruckte Überschrift: "In Kirche und Vaterland".



 

Carl Ludwig Mutz (1873-1956) hat diese Seiten im Zeitraum 1905-1939 mit eigenen Notizen gefüllt und eine kleine persönliche Chronik hinterlassen. Sie handelt davon, wie er die kirchlichen Verhältnisse in Ohligs und später die Entwicklung der Kirche im "Dritten Reich" erlebt hat.

Er stammte aus einem pietistischen Elternhaus und war von dieser Tradition geprägt. Insofern mag die besondere Bedeutung nachvollziehbar sein, die Kirche und Glaubensdinge für ihn hatten. Dass für die Zeit des I. Weltkriegs keine Eintragungen vorhanden sind wird daran liegen, dass er in diesem Krieg für Kaiser und Vaterland kämpfen musste und auch danach ganz andere (familiäre) Sorgen hatte.

Der Verfasser bezeichnet sich als "Hausvater", die damals übliche Bezeichnung für das "Familienoberhaupt". Er war Betriebsleiter eines Ohligser Unternehmens und lebte 1901-1937 mit Frau und Kindern in Solingen-Ohligs. Dann zog die Familie zurück in den ursprünglichen Heimatort Haan.



 
2008
Stadtkirche Ohligs


In Kirche und Vaterland
Carl Ludwig Mutz

"Der Hausvater war Jahrzehnte mit in der größten Kirchengemeindevertretung (Repräsentation) in Sol.-Ohligs. Der damalige kirchliche Liberalismus war auch hier tonangebend. Die Kirche wurde im Durchschnitt sehr schlecht besucht. Bibelstunden und dergleichen kannte man nicht. Viele ernstdenkende wie gläubige Leute gingen in die christlichen Gemeinschaften und Versammlungen, wenn sie auch äußerlich noch zur Kirche gehörten.

1903

Im Jahre 1903 (November) war in Haan eine Evangelisation in der Kirche u. Vereinshaus von Prediger H. Dännert aus Barmen, an der auch viele aus Ohligs teilnahmen. Es war eine Segenszeit für viele, u. auch aus Ohligs kamen mehrere zum lebendigen Glauben. Jetzt war die Frage die, könnte so etwas nicht auch einmal in Ohligs sein?

  Evangelisieren = Andere von der Auferstehung Christi unterrichten

1905

Dieserhalb ging der Schreiber dieses zu Pfarrer Knipping, (*) dem derzeitigen Vorsitzenden des Presbyteriums, und regte diesen Wunsch an (Dezember 1905). Leider hatte dieser, trotz mehrfacher Anregung, kein Interesse wie Verständnis hierfür u. verwies mich zuletzt an Pfarrer Ackva. (*) Bei diesem war die Angelegenheit ein Willkommen, u. durfte mit ihm das nähere einer solchen Veranstaltung besprechen. Auch dem Wunsch, eine Bibelstunde einzurichten, kam er sofort entgegen u. stellte seinen Konfirmandensaal, der bis Sonntag abend 8 Uhr vom Ev. Männer u. Jünglingsverein benutzt wurde, dessen Vorsitzender er war, von da ab zur Verfügung.

1906

So wurde die Bibelstunde schon im Frühjahr 1906 begonnen, u. hat hierfür auch der Schreiner u. Möbelhändler Ed. Bennighoven, Ohligs Wilhelmstraße [Nr. 18] mit Familie ein besonderes Interesse aufgebracht. Der Hauptredner war Stadtmissionar Ernst Voß aus Solingen, u. hat dieser durch sein klares Zeugnis vielen zum Segen sein dürfen. Pfr. Ackva sprach alle 6 Wochen, auch schon mal Pfr. Glaser aus Haan., Pfr. Vömel aus Gruiten, Pfr. Tetzlaff aus Solingen, u. andere. Auch christl. Chöre aus Haan, Wald u. Solingen dienten hin u. wieder mit.

1907

Die Stunden wurden je länger je mehr sehr gut besucht, u. als 1907 Prediger Dännert 14 Tage in Ohligs evangelisierte stand schon eine Betgemeinschaft hinter ihm, u. sind auch da manche zur Heilsgewißheit gekommen. Er wohnte bei der schon erwähnten lieben Familie Benninghoven. Später hat sich hieraus die Stadtmission Ohligs gebildet. In den folgenden Jahren erstand auch ein Christl. gemischter Chor, der aber keine lange Lebensdauer hatte. -

  Heilsgewissheit = im protestantischen Christentum die Gewissheit des Glaubenden, im Jüngsten Gericht von Gott, dem Richter, freigesprochen zu werden.

1910

1910 wurde der 'Christl. Männerchor Ohligs' gegründet. Der Männer u. Jüngl. Verein wurde mit dem Namen C.V.J.M. (= Christl. Verein junger Männer) umbenannt.

  Heute "Christlicher Verein Junger Menschen". Der erste Jünglingsverein entstand 1823 mit der Gründung des Missions-Jünglings-Vereins Barmen-Gemarke.

So war in Ohligs das positive Schrifttum mehr in Erscheinung getreten u. war daher nicht zu verwundern, daß sich daraufhin auch die Geister in anderer Weise schieden. 1910 wurde als dritter Pfarrer der liberale Pfr. Eickenberg (*), aus Hildem stammend, gewählt. Ein Einspruch von einigen Herren dagegen war fruchtlos. - Gegenkandidat Pfr. u. Lehrer Becker aus Elberfeld. -

1912

1912 wurde an Stelle des in den Ruhestand getretenen Pfr. Knipping der liberale Pfr. Neuber (*) gewählt. - Die Gewählten hatten beide nur 2 u. 1 Stimme mehr als die anderen aus positivem Lager, Gegenkandidat von letzterem war Pfr. Henßen aus Mettmann.

1922

1922 wurde für den verstorbenen Pfr. Ackva Pfr. Loewenstein aus Solingen stammend, gewählt.

1932

1932 wurde für den nach Barmen gewählten Pfr. Loewenstein Pfr. Bergmann, (*) aus Barmen stammend, gewählt. Der Vater von letzterem war ein tätiges Mitglied (sonst Kaufmann) im Westdeutschen Jünglingsbund. In Haan sehr gut bekannt bei Festen. -

Die Revolutionsjahre nach dem Kriege 1918, 19 u. folgende sollten durch den Marxismus auch dem Christentum Abbruch tun, u. fanden sich in Ohligs in der Neujahrsgebetswoche alle Gemeinschaften mit den kirchl. Kreisen im Gemeindehaus zu gemeinsamem Gebet zusammen. Die Einleitungen wechselten ab. In solchen antichristlichen Zeiten hat das Wort Geltung: Eine Herde und ein Hirt.
[= Titel eines Kirchenliedes von Friedrich Adolf Krummacher (1767-1845), der ein Anhänger der Erweckungsbewegung war]

Leider wurde in einer solchen Einleitung von Pfr. Loewenstein das Knien beim Gebet in unverständlicher Weise besprochen u. zogen sich daraufhin viele hiervon zurück. Der Christl. Männerchor Ohligs, dazumal ein Ausdruck kirchl. Gläubiger wie auch Gemeinschaftschristen, dem der Schreiber dss. lange Jahre als Vorsitzender angehörte, pflegte aber weiterhin die besonders dazumal (wie immer) nötige Allianz. Denn Allianz heißt nicht, Grenzen verwischen u. Kompromisse schließen, sondern in gegenseitiger Freiheit sich auf dem gemeinsamen Boden des Evangeliums zusammen finden.

  Bei den Gemeinschaftschristen handelt es sich um den "vereinsmäßigen Zusammenschluss von Gläubigen" in der Freikirche, die jedoch nicht aus der reformierten Kirche ausgetreten waren.


Um 1930   Christlicher Männerchor Ohligs

1933

1933 war der Anbruch einer neuen Zeit. Der Marxismus hatte sich beim größten Teil des deutschen Volkes unbeliebt wie unhaltbar gemacht, u. Adolf Hitler, der Führer der "National sozial. deutschen Arbeiter Partei" wurde durch den Reichspräsidenten Hindenburg Reichskanzler. Da sollte auch die Kirche ein ander Bild bekommen. Es erstand darin eine Partei, die sich "Deutsche Christen" (*) D.C. nannte u. von oben so gefördert wurde, daß alle Kirchengliederungen aus 75% derselben bestehen mußten.

Zuerst dachte man dabei an einen inneren Aufbau, doch im Oktober 1933 (ich gehörte auch dazu) schrieb ich: Nach meiner Beobachtung u. Erkenntnis sind die D.C. nicht die Kirche (Kirche = Gemeinschaft der Gläubigen), sondern sind nur eine Kirchenpolitische Partei, die ohne Zweifel manches Gute will, die sich aber in der Wahl der Mittel vielfach vergriffen hat.

Nach weiterem Erleben u. praktischer Beobachtung trat ich im Dez. 1933 aus dem Verband der D.C. aus, u. schloß mich später dem Gegensatz derselben: [der] "Bekennenden Kirche" (*) an. Der Grund derselben ist das alte reformatorische Evangelium, das unverkürzte alte Evangelium von Jesus Christus, das Erbe unser Väter, wie es in unserm Glaubensbekenntnis ausgesprochen ist. Jetzt waren, sich von selbst ergebende, Gegensätze da.

  Die Bekennende Kirche gründete sich auf der ersten Bekenntnissynode 29.-31.05.1934 in Wuppertal-Barmen. Sie verabschiedete in der dortigen Gemarker Kirche als theologisches Fundament die Barmer Theologische Erklärung. (*)

1934

1934 den 22. März verzogen wir von Sol.-Ohligs in unser Heimatstädtchen Haan.

1935

Bis Mitte Januar 1935 besuchte ich noch den Chr. M. Chor [Christlichen Männerchor] in Ohligs regelmäßig; trat dann des unfreundl. Weges oft, aus. Durch den Austritt von D.C. [Deutsche Christen] wie Parteimitgliedern ist der Chor dann im Frühjahr 1935 eingegangen. -

Die Gegensätze der beiden vorgenannten kirchl. Richtungen verschärften sich immer mehr, zudem erstand noch die "Deutsche Glaubensbewegung", (*) die die jeden christl. Glauben ablehnen, wie auch die ähnliche "Weltanschauung" des Ministers Rosenberg.

  Der NSDAP-Politiker Alfred Rosenberg wurde während des Nürnberger Hauptprozesses als Hauptschuldiger der NS-Kriegsverbrechen angeklagt, für schuldig befunden und 1946 zum Tode verurteilt.

1935-1936

1935-36. Die Bekennende Kirche wird als "Gruppe in der Kirche" von allen vorgenannten Richtungen wie auch vom Staat "als Kirche" abgelehnt u. bekämpft. Die meisten Pfr. [Pfarrer] im Rheinland gehören aber der Bek. Kirche an, doch muß mancher im Reiche für ein offenes Bekenntnis dieserhalb ins Gefängnis oder dergl. Die Kirchenfinanzen hat der Staat in seine Hand genommen, es soll eine Staatskirche geben. Wo ist die Freiheit der Kirche, die so oft versprochen?! Wir haben eine ausgesprochen antichristliche Zeit.

1937

1937. Die kirchl. Lage bereinigt sich durch die Staatseingriffe nicht. Gottes Wort, die hl. Schrift, u. Jesus unser Heiland wird abgelehnt. Mitte Febr. ordnet der Führer u. Reichskanzler Adolf Hitler eine Kirchenwahl an; ob sie kommt?

Viele Pfr., Älteste u. Laien müssen in Gefängnisse [...], dies ist früher noch nie dagewesen. Die bek. Kirche soll verschwinden. Weltanschauung = Vernunftreligion soll Kirche sein. - [...] 805 Pfr. [Pfarrer] u. andere gingen 1937 um vorgenanntes halber durch Gefängnisse [...].

  Die Bekennende Kirche stand ab ihrer Gründung 1934 unter Beobachtung der Gestapo. Über viele ihrer Vertreter wurden Redeverbote verhängt, viele wurden inhaftiert, einige ermordet.

1938

Fortsetzung 1938. Die kirchl. Lage ist noch nicht in Ordnung, sondern im Gegenteil eher zerrütteter. Über die Finanzen u. was damit zusammenhängt ist vom Staat ein Herr Sons ernannt, Geschäftsort Düsseldorf, der schon über 10 Jahre aus der Kirche ausgetreten ist, aber über Gehälter der Pfr., Anstellung, ectr. ectr. im Rheinland bestimmt. Unfaßbar! Die "bekennende Kirche" soll verschwinden. Sehr viele gläubige Pfr. haben Redeverbot, Ausweisung, Gefängnis, Konzentrationslager; - Der Herr stärke alle darunter leidende, u. führe alle wirklich an den Herrn u. Heiland Jesus Christus Glaubende auf eine Linie.

1939

1939   Ab 1. April gibt es keine evangel. oder kathol. Volksschulen mehr. Verfügung!! Antichristentum macht sich bei der Jugend besonders bemerkbar. Religionsunterricht ist für viele Schüler schon Nebensache, auch bei vielen Erwachsenen die Kirche oder christl. Versammlungen bezw. Gemeinschaften.

Der oben genannte Finanzmann in Düsseld. will auch Verfügung über kirchl. Kollekten (= eine freiwillige Gabe für jeden). Vielen Pfr. die sich dem nicht fügten bekamen Gehaltssperre; nach Monaten, weil als ungerecht oben erkannt, wieder aufgehoben.

Den 18. Juli starb im Konzentrationslager Sachsenhausen Pfr. Schneider aus Dickenschied, aus dem Hunsrück. Hunderte Pfr. in Talar, u. sehr viele andere, wohnten der Beerdigung in Dickenschied bei, auch unsere bek. [bekennende] Gemeinde war durch Herrn Pfr. Sauer u.a. vertreten.

  Pfarrer Paul Schneider war das erste Todesopfer der Bekennenden Kirche. Er wurde 1939 im KZ Buchenwald bei Weimar - nicht in Sachsenhausen - vergiftet.   Wikipedia

Wie schon vor Jahren werden noch immer christl. Blätter verboten, oder müssen heute durch den Krieg wegen "Papiermangel" eingeschränkt werden. - Zeichen der Zeit!




Pfarrer:

  • Hugo Knipping, *07.02.1850 zu Breckerfeld, Kreis Hagen. Pastor in Ohligs 1888-1909.
  • Heinrich Ackva, *05.03.1866 zu Schloss Bickelheim, Kreis Kreuznach, † 29.06.1922, Pastor in Ohligs 1894-1922.
  • Eugen Eickenberg, *10.12.1879 in Solingen. Pastor in Ohligs 1908-1946.
  • Wolfgang Neuber, *04.04.1882, Pastor in Ohligs 1910-1949.
  • Johannes Löwenstein aus Bacharach, Pastor in Ohligs 1923-1931.
  • Friedrich Bergmann, *13.06.1889, Pastor in Ohligs 1932-1957.

  Barmer Theologische Erklärung (Wikipedia)
  Deutsche Christen (Wikipedia)
  Bekennende Kirche (Wikipedia)
  Deutsche Glaubensbewegung (Wikipedia)


Quellen:
  • Mutz, Carl Ludwig: Bibelaufzeichnungen (1905-1939)
  • Festschrift: 100 Jahre Evangelische Gemeinde Ohligs (1964)
  • Webseite: "http://www.kirchenlexikon.de/s/siebel_t.shtml" am 16.12.2010
  • Wikipedia

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